Die Nationale Frage auf der Krim
http://krim.veitkuehne.de

Die Unesco gab mir eine Urkunde auf den Weg, um Türen zu öffnen.

ZIS-Studienarbeit
von
Veit Kühne
Reise im Sommer 1996

Im Sommer 1996 fuhr ich mit einem Stipendium der Studienstiftung ZIS für 6 Wochen auf die Krim. Man bekommt bei ZIS 800 Mark (heute 500 Euro), muß damit aber auch alle Aufwendungen einer mindestens 4wöchigen Auslandsreise abdecken - man darf also kein eigenes Geld mitnehmen. Man muß zwischen 16 und 20 Jahren alt sein, muß während der Reise ein selbstgewähltes Thema bearbeiten und ein Tagebuch schreiben. Sinn des Ganzen ist es, junge Leute mit wenig Geld ins Ausland zu bringen, und dort eine intensive Beschäftigung mit den Menschen und der Kultur zu erreichen. Das Ganze geschieht in Partnerschaft mit der UNESCO, die eine schöne Urkunde mit auf den Weg gab, um Türen zu öffnen. Meine Reise war hart, aber hat mir unheimlich viel gebracht. Wenn Du mehr Infos zu ZIS haben willst, schau mal auf der Homepage vorbei.

Für mich hatte die Reise auch noch eine ganz persönliche Note - ich wußte seit ich 9 war, daß mein leiblicher Großvater Russe war. Allerdings hatten weder meine Mutter noch ich je Kontakt zu ihm. Im Vorfeld der Reise machte ich ihn dann mit Hilfe der Kontakte meines Russisch-Lehrers Hannes Hasselgruber (der mir bei der Reise riesig geholfen hat, dankeschön auch an seine Frau Ike) ausfindig. Leider war er jedoch schon 1994 gestorben, aber ich traf seine Witwe, meine (Halb-) Tante und einen kleinen Neffen, Dschenia, von dessen Existenz ich nie etwas geahnt hatte. Und schließlich stand ich auch am Grab meines Großvaters, den ich gern einmal kennengelernt hätte...

Inhalt

EINLEITUNG

WAS IST DIE NATIONALE FRAGE AUF DER KRIM?

I. DIE NATIONALITÄTEN AUF DER KRIM
   1 DIE UKRAINER
   2 DIE RUSSEN
   3 DIE KRIMTATAREN
   4 DIE KRIMDEUTSCHEN
       Wiedergeburt und Landsmannschaft
       Der Fall Gödeking

II. DIE KRIM UND ZWEI RUSSISCH-UKRAINISCHE BEZIEHUNGEN
  1 MOSKAU – KIEW
  2 SIMFEROPOL – KIEW

III. MISSIONEN AUF DER KRIM
  1 DIE UN-MISSION
      Das CIDP
      Das UNHCR

  2 DIE OSZE - MISSION

IV. JÜNGSTE EREIGNISSE UND SCHLUßFOLGERUNGEN

DIE ABRECHNUNG
  VOR DER ABREISE
  NACH DER ABREISE

IHRE SEITE


Einleitung

Die Krim - eine der bezauberndsten Landschaften Osteuropas und einer der gefährlichsten Konfliktherde. Die Bezeichnungen reichen vom "Kronjuwel" bis zum "nächsten Bosnien". Kaum ein Mensch in Westeuropa interessiert sich heute für die Halbinsel, und doch tauchen Assoziationen auf, bei Begriffen wie Krimkrieg, Jaltaer Abkommen 1945 oder Willi Brandt auf Motorboot. Die Schlagzeilen beherrschen die Ereignisse in Tschetschenien und Moskau, nur gelegentlich dringt einmal ein Nachrichtenfetzen über irgendeine Schwarzmeerflotte an unser Ohr.

Auch ich wußte praktisch nichts über die gegenwärtige Situation auf der Krim. Gehört zur Ukraine. - Aha. - 2/3 Russen, Hauptstadt Simferopol. - O.K.. - Heimat der Krimtataren. - Nie von gehört.

Und so fuhr ich hin, mehrere Tausend Kilometer mit Bus und Bahn. Es wurde eine harte Reise, aber eine lehrreiche. Ich hatte große Probleme, in den knapp sechs Wochen ausreichende Informationen für diese Studienarbeit zu sammeln - mit mangelnden Russisch-Kenntnissen, kaum Vor-Informationen und wenig Möglichkeiten, Darstellungen meiner Gesprächspartner nachzuprüfen.

Nichtsdestotrotz möchte ich Sie, den Leser, mit dieser Arbeit über die Nationale Frage auf der Krim informieren. Ich habe keinen Wert auf epische Breite gelegt, sondern versuche so knapp wie möglich die relevanten und interessanten Informationen wiederzugeben.

Viel Spaß beim Lesen!

upVeit Kühne, im Januar 1997


Was ist die Nationale Frage auf der Krim?

Ursprünglich nur als Arbeitstitel gedacht, lassen sich mit der Nationalen Frage auf der Krim doch die zwei wichtigsten Aspekte der gegenwärtigen Vorgänge auf und Diskussionen um die Halbinsel am besten umreißen.

Da ist zum einen die Frage nach den verschiedenen Nationalitäten und ihrem Zusammenspiel. Und zum anderen stellt sich nach dem Zerfall der Sowjetunion die Frage nach der Zugehörigkeit der Krim zu einem der neuen alten Nationalstaaten Osteuropas.

Beide Aspekte lassen sich natürlich nicht klar voneinander abgrenzen, auch wenn ich das zur besseren Übersicht versucht habe. Und so werden Entwicklungen auf der Krim auch immer die gesamte Region beeinflussen, ein weiterer Grund für die Erstellung dieser Studienarbeit.up


I. Die Nationalitäten auf der Krim

Wenn man die Nationale Frage auf der Krim beantworten will, muß man vor allem das Verhältnis der verschiedenen Nationalitäten auf der Halbinsel zueinander beleuchten. Dabei spielen Russen, Ukrainer und Krimtataren sowohl heute, als auch im geschichtlichen Zusammenhang die wichtigste Rolle.

Doch die Krim war und bleibt ein Schmelztiegel der Kulturen, und so leben heute unter anderem Aserbaidschaner, Weißrussen, Juden, Georgier, Karaimen, Krimtschiki, Italiener, Tschechen, Polen, Armenier, Bulgaren, Griechen und Deutsche dort.

Die vier letztgenannten durchlebten wie die Tataren das Trauma der Deportation. Trotz der wirtschaftlichen Notlage versuchen die Regierungen in Kiew und Simferopol den Rückkehrwilligen beim Neuanfang zu helfen. Auch wird ihnen ein Mitspracherecht in ihrer alten Heimat eingeräumt - die vier deportierten Völker stellen je einen, die Tataren sogar 14 der 96 Abgeordneten des Krim-Parlaments.

Im folgenden werde ich versuchen, die Positionen deutlich zu machen, die hinter dem gegenwärtigen Pokerspiel der drei Hauptkontrahenten auf der und um die Krim stehen. Desweiteren werfe ich stellvertretend für die vielen anderen kleinen Nationalitäten einen Blick auf die Situation der deutschen Minderheit auf der Krim. up


1 Die Ukrainer

Die Ukrainer müssen am weitesten in der Geschichte zurückgehen, um ihren Anspruch auf die Krim zu untermauern. Anhand uralter Erzählungen und Chroniken glauben sie, die Wurzeln des unabhängigen ukrainischen Staates vom 10. bis 12. Jahrhundert auf der Krim finden zu können.

Natürlich verweisen sie auch auf den Transfer der Krim von Rußland zur Ukraine im Jahr 1954, über den damals auf allen Seiten Einigkeit bestand. Nach diesem Ereignis siedelten sich verstärkt Ukrainer auf der Halbinsel an, aber viele wurden zwangsweise vom Sowjet-Regime dorthin transportiert.

Heute finden sich die Krim-Ukrainer als Minderheit im eigenen Land wieder, denn obwohl die Krim zur Ukraine gehört, stellt diese Bevölkerungsgruppe nur 25 Prozent der Bewohner. Das öffentliche Leben ist weitestgehend russisch dominiert, und so bezeichnet selbst die Hälfte der Krim-Ukrainer Russisch als ihre Muttersprache. In Simferopol sprechen 9 von 10 Ukrainern vor allem Russisch.

Anti-russische Vorurteile sind unter den Ukrainern auf der Krim weniger verbreitet als im Rest des Landes. Und so haben nationalistische ukrainische Organisationen keine Chance. Selbst gemäßigte ukrainische Parteien finden sich nicht im Krim-Parlament wieder, da sie faktisch nicht an der Wahl 1994 teilnahmen.

Die Krim-Ukrainer sind im allgemeinen mit der jetzigen Situation der Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine zufrieden und sehen daher keine Notwendigkeit zu einer verstärkten politischen Aktivität. Sie überlassen im Großen und Ganzen der Regierung in Kiew die Wahrnehmung ukrainischer Interessen auf der Krim.

Insofern deutet erfreulicherweise vieles darauf hin, daß es trotz der Spannungen zwischen Kiew und Moskau und Kiew und Simferopol auf längere Sicht nicht zu Auseinandersetzungen zwischen Russen und Ukrainern auf der Krim selbst kommen wird. Allerdings muß beachtet werden, daß diese optimistische Aussicht vor allem auf der starken Russifizierung der Krim-Ukrainer beruht. up


2 Die Russen

Viele Russen sind weniger zufrieden mit der gegenwärtigen Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine als ihre ukrainischen Nachbarn. Sie betrachten die Krim als russisches Territorium.

Nach dem russischen Sieg über die Türkei im Jahr 1772 und dem kurzen Einsatz eines pro-russischen Khanes annektierte Zarin Katharina die Große die Krim 1783. Diese Gebietserweiterung hatte und hat große, vor allem symbolische Bedeutung für Rußland, sicherte sie doch den Zugang zum Schwarzen Meer und darüber hinaus.

Mit dem Jahr 1783 begann die russische Besiedlung der Krim. Ihren Höhepunkt erreichte sie nach dem 2. Weltkrieg, als nur noch etwa 200.000 Menschen auf der Krim lebten. Es folgte eine von der Sowjet-Regierung geförderte Masseneinwanderung, so daß heute etwa zwei Drittel der 2,7 Mio. Krim-Bewohner Russen sind.

1954 wurde die Krim von der Russischen an die Ukrainische Sowjet-Republik übergeben. Dies hatte vor allem ökonomische Gründe – die Halbinsel bezieht ihren Strom, ihr Wasser und viele Rohstoffe aus der Ukraine. Für die Bewohner änderte sich dadurch nichts, sie blieben Sowjet-Bürger.

Mit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 sahen sich viele Krimrussen plötzlich von Rußland abgeschnitten. Nach und nach verloren sie die Rolle eines Herrenvolks, die sie in der SU innehatten. Daher organisierten sich bald politische Kräfte, die einen Anschluß an Rußland oder zumindest eine Loslösung von der Ukraine forderten.

Diese widersetzte sich solchen Bestrebungen erfolgreich. Es begann eine große Zersplitterung der pro-russischen Bewegung auf der Krim, deren Führer heute realistischerweise keine schnelle Eingliederung nach Rußland mehr fordern.

Doch in der russischen Bevölkerung der Krim sorgt die zunehmende Ukrainisierung großer Bereiche des öffentlichen Lebens und die wiederholte Abschaltung des russischen Fernsehens durch Kiew für Unmut. Auch die sich weiter verschlechternde wirtschaftliche Lage in der Ukraine trägt dazu bei, daß viele Krimrussen weiterhin einen Anschluß an Rußland fordern.

Aber es gibt auch viele gemäßigte Stimmen, die sich mit der gegenwärtigen Lage abgefunden haben. Dazu kommt noch die allgemein verbreitete politische Apathie, so daß ein Erstarken militanter nationalistisch-russischer Kräfte in naher Zukunft nicht zu erwarten ist. up


3 Die Krimtataren

Neben den Russen sind die Krimtataren die politisch aktivste Nationalität auf der Krim. Dieses Volk bildete sich im Laufe der Jahrhunderte aus Mongolen, Griechen, Turk-Völkern und anderen Einflüssen heraus. Seine Religion ist der Islam und die Sprache ähnelt dem Türkischen. Die Krimtataren regierten die Krim von 1239 bis 1783, wenn auch in Abhängigkeit vom Osmanischen Reich ab 1475.

Nach der russischen Eroberung der Krim begann eine Zeit der Emigration und Deportation – die Zahl der Krimtataren sank von 500.000 (1783) auf 100.000 (1860, Gesamtbevölkerung nur noch 194.000). Die Emigration führte zur Bildung von großen krimtatarischen Gemeinden in der Türkei (etwa 5 Mio. Krimtataren leben heute dort), Rumänien (1 Mio.), Bulgarien (500.000) und kleineren in den USA und Deutschland.

In den Wirren der Revolutionsjahre 1917 und 1918 waren die Krimtataren noch einmal in der Lage, eine Regierung auf der Krim zu installieren – ein wichtiger Bezugspunkt für ihre heutigen Führer.

Unter Diktator Josef Stalin erlebten sie von 1923 bis 1928 eine Bevorzugung, nur um sich in dem darauffolgenden Jahrzehnt mit der Auslöschung und der Deportation ihrer Intelligenz konfrontiert zu sehen. Durch diese Verbrechen und erneute Emigration verringerte sich die Zahl der Tataren auf der Krim wiederum um 100.000 bis 200.000.

Schließlich verübte Stalin das ultimative Verbrechen an den Krimtataren. Am 18. Mai 1944, sechs Tage nach dem Abzug der deutschen Besatzer von der Krim, ließ er alle verbliebenen Krimtataren – zwischen 200.000 und 250.000 Menschen – zusammentreiben. Aufgrund angeblicher Kollaboration mit den Deutschen wurden sie – gemeinsam mit etwa 20.000 Griechen, 20.000 Armeniern und 17.000 Bulgaren – in Viehwaggons geladen und nach Zentralasien, vornehmlich Usbekistan, deportiert.

Nach zwei Tagen lebten unter den nur noch etwa 200.000 Krim-Bewohnern keine Angehörigen dieses Volkes mehr. Auf der Halbinsel wurden viele Spuren ihrer Kulturen beseitigt, Denkmäler und Monumente verschwanden, Orte wurden umbenannt. Die Deportierten erhielten auf ihrer zweiwöchigen qualvollen Reise oft weder Wasser noch Essen. Die Hälfte überlebte diese Tortur sowie die ersten zwei Jahre danach.

Im Gegensatz zu vielen anderen deportierten Völkern wurden die Krimtataren zu Sowjetzeiten nie vollständig rehabilitiert. Chruschtschow erwähnte sie 1956 in seiner berühmten Geheimen Rede, mit der er den Tschetschenen, Inguschen und anderen Nationen die Rückkehr in ihre Heimat erlaubte, nicht.

Daraufhin organisierte sich eine aktive nationale Bewegung der Krimtataren. Mit Petitionen, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen versuchten sie, eine Rückkehr in ihre Heimat durchzusetzen sowie Öffentlichkeit herzustellen. Viele sowjetische Dissidenten wie z.B. Pjotr Grigorenko und Andrej Saccharow griffen ihr Beispiel als eklatanten Fall von Menschenrechtsverletzungen in der SU auf.

Schließlich sprach die Staatsführung die Krimtataren 1967 vom Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen frei. Offiziell wurde ihnen sogar die Rückkehr auf die Krim erlaubt. Doch gleichzeitig wurden bürokratische Hindernisse in den Weg in die Heimat gestellt -- die Krimtataren erhielten keine Aufenthaltsgenehmigungen, eine Rückkehr war weiterhin unmöglich.

Erst im November 1989, im Zuge von Gorbatschows Perestroika, verurteilte der Oberste Sowjet der SU die Deportation und erlaubte den Krimtataren die organisierte Rückkehr. Die warteten nicht lange auf offizielle Hilfsprogramme, sondern verkauften ihr Hab und Gut in Usbekistan und kamen auf die Krim. Bis 1996 kehrten 250.000 Krimtataren zurück, weitere 250.000 leben noch im Exil, planen aber ihre Rückkehr auf die Krim.

Niemand bestritt das Recht der Krimtataren, in die Heimat zurückzukehren, weder Rußland, noch die Ukraine, noch die Administration der Krim, aber auch niemand war in der Lage, ihre Neuansiedlung finanziell zu unterstützen. Daher sahen und sehen sich die Krimtataren mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert.

Die Krim ist praktisch nicht in der Lage, sie unter menschenwürdigen Umständen aufzunehmen. Ihre Massen-Rückkehr führt daher zu großen Problemen auf der Krim, zu deren Lösung die Vereinten Nationen und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beitragen wollen, auf deren Missionen ich noch eingehen werde.

Mit ihrer Rückkehr erheben die Krimtataren gleichzeitig auch politische Forderungen. Sie betrachten sich als indigenes Volk der Krim, Russen und Ukrainer jedoch als Usurpatoren. Deren Heimat läge in anderen Ländern, in die sie jederzeit zurückkehren könnten. Das Fernziel der Krimtataren ist daher eine Nationale Krimtatarische Republik Krim.

Mit dieser Forderung befinden sie sich im unlösbaren Gegensatz zur russisch-dominierten Führung auf der Halbinsel, die eine größtmögliche Autonomie von der Ukraine anstrebt. Daher gingen die Krimtataren eine taktische Allianz mit der Regierung in Kiew ein, die sich gegen die Krimrussen wendet.

Das repräsentative Organ der Krimtataren, ihr Parlament, ist der Kurultai. Er wurde 1991 zum ersten Mal seit 1918 wieder gewählt. Seine 262 Delegierten betrachten sich nicht als Interessenvertreter der Tataren auf der Krim, sondern als Volksvertretung für die gesamte Krim. Sie rivalisieren damit mit dem Krim-Parlament.

Der Kurultai bestimmte eine Staatsflagge und eine Hymne für die krimtatarische Nation. Außerdem wählte er ein 33köpfiges Präsidium, den Medschlis, der die Geschäfte zwischen den Versammlungen des Kurultais (etwa alle zwei Jahre) führt. Lokale Mini-Medschlisse bildeten sich seitdem überall auf der Krim.

Zum Präsidenten des Medschlis wurde 1991 und 1996 Mustafa Cemiloglu gewählt (Er bevorzugt diese Schreibweise seines Namens statt der oft benutzten Dzhemilev oder Jemilev.). Er war einer der aktivsten Dissidenten der SU und verbrachte viele Jahre in Gefängnissen. 1969 gründete er mit Andrej Saccharow und anderen die Initiative zur Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR. 1974 begann er in Haft einen der längsten bekannten Hungerstreiks --er dauerte 303 Tage.

Trotz ihrer radikalen Forderungen haben die Krimtataren unter Cemiloglu ein Auge für das Machbare behalten. So setzte sich der Medschlis vor allem für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Krimtataren und für eine Stärkung ihrer Rechte ein. Ein großer Fortschritt bedeutete die Bereitstellung von 14 der 96 Sitze im Krim-Parlament für die Krimtataren 1994. Diese Abgeordneten haben seitdem eng mit den Medschlis zusammengearbeitet.

Nichtsdestotrotz sorgt die krimtatarische Behauptung, ein indigenes Volk der Krim zu sein und die daraus abgeleitete Forderung nach einer Nationalen Krimtatarischen Republik weiter für Ärger und Angst unter der russischen und ukrainischen Bevölkerungsmehrheit. Sollte eine radikale Fraktion der Krimtataren die Oberhand gewinnen, die dieses Anliegen vorantreibt, könnte es zu ernsthaften Konflikten auf der Krim kommen.

Ich habe die Krimtataren jedoch als humorvolle und optimistische Menschen kennengelernt. Trotz der vielen Leiden, die sie in den letzten 50 Jahren durchlebten, scheint es kaum Haß auf die Russen und Ukrainer zu geben. Dies läßt auf ein friedliches Zusammenleben der Nationalitäten auf der Krim hoffen. up


4 Die Krimdeutschen

Besondere Aufmerksamkeit während meines Aufenthalts auf der Krim schenkte ich der Situation der deutschen Minderheit auf der Halbinsel. Sie spielt aufgrund ihrer geringen Stärke von etwa 3000 Seelen kaum mehr eine Rolle in der Politik der Autonomen Republik. Doch bis zum 2.Weltkrieg hatten die Deutschen entscheidenden Anteil an der Gestaltung vieler Städte und Dörfer, und ihre Spuren lassen sich auch heute noch an einigen Orten finden, wenn auch stark verwischt durch die Zeit des Kommunismus.

Wie in vielen anderen Gebieten Rußlands ließen sich gegen Ende des 18.Jahrhunderts auch auf der Krim Deutsche nieder. Sie waren der Einladung der Zarin Katharina der Großen gefolgt, die bekanntlich deutscher Herkunft war. Die Neuankömmlinge lebten in kompakten Siedlungen und wurden bald zu erfolgreichen Händlern, Handwerkern und Bauern.

Mit Beginn des 1.Weltkrieges verschlechterte sich ihre Lage, den Deutschen wurde der Landbesitz verboten. Die Oktoberrevolution und die damit verbundene Konfrontation mit den feindseligen Bolschewisten und der Zwangskollektivierung trieb viele Krimdeutsche in die Emigration.

Nichtsdestotrotz betrug ihre Anzahl bei Ausbruch des 2.Weltkrieges noch 51.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 1.126.000 auf der Krim. Diese Menschen wurden, wie fast alle anderen Rußlanddeutschen auch, 1941 vom Diktator Josef Stalin nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Viele überlebten den Transport und die darauffolgenden Jahre, in denen sie in Organisationen wie der Trud Armee Dienst leisten mußten (z.B. Holz sägen), nicht.

Unter den Kommunisten war den Krimdeutschen eine Rückkehr in ihre Heimat untersagt. Erst mit der Perestroika unter Gorbatschow wendete sich das Blatt. Doch diese Wende kam zu spät, nur wenige Deutsche kehrten auf die Krim zurück. Die meisten leben heute wohl in Deutschland oder werden über kurz oder lang dorthin auswandern.

Die aktuelle Situation der Krimdeutschen ist geprägt von den katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen auf der Krim. Viele leben unter erbärmlichen Umständen.

Ein weiteres Problem stellt die mangelnde Sprachkenntnis dar. Kaum ein Deutscher der jüngeren Generation beherrscht heute noch diese Sprache. Auch ist es vielen Menschen unmöglich, sich als Deutsche auszuweisen, da sie zu Sowjetzeiten aus Angst vor Repressalien die russische Nationalität in ihren Papieren eintrugen.

Es herrscht die Meinung vor, daß es auch heute noch eine verdeckte Diskriminierung, z.B. bei der Besetzung offener Stellen, gibt, die jedoch alle Nationalitäten außer Russen und Ukrainern betreffen soll. Doch wird von offizieller Seite, besonders vom Krim-Parlament, viel getan, um den Deutschen als einem der fünf deportierten Völker bei der Rückkehr zu helfen. Aber die Mittel sind knapp, und so wird auch die begonnene Errichtung eines deutschen Dorfes wohl kaum zu einer verstärkten Rückkehr führen.

Trotzdem gibt es die Hoffnung, daß viele Deutsche aus Kasachstan nicht nach Deutschland, sondern auf die Krim ziehen werden. So sollen dort bereits 7000 Menschen diese Absicht mit ihrer Unterschrift bestätigt haben. Angesichts der oben beschriebenen Probleme wird sich die Hoffnung jedoch schon bald als Illusion erweisen, die vor allem von den beiden Organisationen der deutschen Minderheit, deren Zuwendungen von der Zahl ihrer Mitglieder abhängen, genährt wurde. up


Wiedergeburt und Landsmannschaft

Zusätzlich erschwert wird die Situation der Krimdeutschen durch ihre Spaltung in zwei verfeindete Organisationen. Im Jahr 1990 hatte sich die Republikgesellschaft der Krimdeutschen Wiedergeburt gegründet. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung der deutschen Kultur und Traditionen auf der Krim, sowie die Wahrnehmung der Rechte der Minderheit.

In ihrem Kulturzentrum mit einer kleine angeschlossenen Kirche in Simferopol organisiert die Wiedergeburt Sprachunterricht und Feiern. Sie betriebt eine Radio-, Fernseh- und Zeitungsredaktion, die Beiträge für die deutsche Minderheit gestaltet. Außerdem versucht sie natürlich, den Deutschen bei der Verbesserung ihrer persönlichen Lebensverhältnisse unter die Arme zu greifen.

Desweiteren nimmt ihr Vorsitzender, Wladimir Karlowitsch Rempening den den Krimdeutschen zustehenden Sitz im Krim-Parlament ein.

Mitglied der Wiedergeburt konnten offensichtlich nicht nur Deutsche werden, sondern auch an der deutschen Kultur Interessierte (heute wird eine etwas andere Geschichte präsentiert: auch russische ÆHelfer" würden hinzugezogen).

Darüber entbrannte 1994 ein Streit im Vorstand, der schließlich im April 1995 zur Spaltung führte. Die neu gegründete Landsmannschaft der vertriebenen Krimdeutschen unter ihrem Vorsitzenden Julius Miller nimmt nun also nur Deutsche auf, die ihre Nationalität auch mit Papieren nachweisen können, bei denen sie also im Paß steht.

Die Ziele und Aufgaben der Landsmannschaft decken sich mit denen der Wiedergeburt, nur soll alles besser gemacht werden, da die Wiedergeburt in den letzten Jahren nichts für die Deutschen getan habe.

Der Streit ist inzwischen leider auf ein sehr niedriges Niveau gesunken, wobei sich die Landsmannschaft besonders durch Angriffe auf die Person des Wiedergeburt-Vorsitzenden Rempening hervortut, der weiterhin im Krim-Parlament sitzt. Er habe sich persönlich bereichert und sei Offizier des KGB gewesen, habe daher auch nur einen Ausweis der Militärkräfte. Weiterhin sei er kein Deutscher, sondern Holländer(!) und da er kein Lutheraner, sondern ein Mennonit sei, könne man mit ihm keine Verträge schließen. Natürlich wurde er auch nicht in die Landsmannschaft aufgenommen, als er dies versuchte.

Die für die Krimdeutschen bestimmten Gelder der Simferopoler Regierung werden mittlerweile zwischen den Organisationen aufgeteilt. Von der deutschen Regierung wird keine der Seiten unterstützt, und deutsche Diplomaten haben zu verstehen gegeben, daß es nicht dazu kommen wird, solange die Spaltung anhält. Es bleibt also zu hoffen, daß sich die Streithähne aufgrund dieser Haltung - denn auf Geld sind sie alle aus - irgendwann wieder zusammenraufen. Die Bereitschaft dazu haben mir beide versichert, allerdings will die Landsmannschaft nicht mit Rempening verhandeln. up


Der Fall Gödeking

Neben der weltlichen Spaltung der Krimdeutschen vollzog sich 1995 auch ihre kirchliche Spaltung. Ihr fiel der deutsche Pastor Friedrich Gödeking zum Opfer. Er war 1994 aus Heidelberg auf die Krim gekommen, und hatte mit viel Einsatz deutsche Gemeinden auf der Halbinsel wiederbelebt. Er organisierte humanitäre Hilfe aus Deutschland - ein Glücksfall für die Krimdeutschen.

Doch nach Darstellung der Landsmannschaft waren viele Kirchenbesucher nicht zufrieden mit seiner Arbeit, so habe er z.B. die Leute nicht ausreichend unterrichtet, bevor er sie konfirmierte. Darum sei er von der Synode in Deutschland entlassen worden.

Gödekings Version klingt anders. Er hatte in seiner Gemeinde arisches und antisemitisches Gedankengut festgestellt. So sei es zu Auseinandersetzungen gekommen, weil Menschen mit jüdischen Vorfahren der deutschen Gemeinde angehörten.

Als schließlich Vertreter der Landsmannschaft hinter seinem Rücken ein Kirchenfest organisiert hätten, um an staatliche Fördergelder zu kommen, habe er Öffentlichkeit hergestellt und sich geweigert, die Predigt dort zu halten. Auch der angereiste deutsche Botschafter in der Ukraine, Arnot, habe die Veranstaltung spontan abgesagt. Damit war Gödeking bei der Landsmannschaft in Ungnade gefallen.

Sie schaffte es offensichtlich, einen Beamten der Krim-Regierung zu bestechen, der den Pastor in die Mangel nahm. Er schloß seinen Paß weg, verhörte ihn stundenlang und wollte ihn dazu zwingen, ein Papier zu unterschreiben, auf dem stand, er habe Verbrechen begangen. Der Pastor bekam es mit der Angst zu tun, denn er sah sich mit der sofortigen Ausweisung konfrontiert (er ist glücklich mit einer Russin verheiratet).

Der deutsche Botschafter kümmerte sich drei Wochen lang jeden Tag um seinen Fall, wurde bei mehreren Ministerien in Kiew vorstellig und verhinderte schließlich Gödekings Abschiebung. Als dieser kurz darauf nach Deutschland reiste, schaffte es die Landsmannschaft, die Kirchenleitung in Odessa - zuständig für die Südukraine - dahingehend zu beeinflussen, daß sie Gödeking entließ.

Da Gödekings Arbeitgeber die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) war, mußte sie die endgültige Entscheidung über die Entlassung treffen. Er kämpfte fast ein Jahr dagegen an und bekam dabei Unterstützung von Botschafter Arnot, der Heidelberger Oberbürgermeisterin und natürlich seinen Gemeinden auf der Krim. Das oberste Gremium der EKD befaßte sich dreimal mit seinem Fall - und versetzte ihn in den vorzeitigen Ruhestand.

Hier liegt die wirkliche Tragweite des Falles Gödeking, in der schreienden Ungerechtigkeit, die ihm durch die EKD widerfahren ist, eine Institution, die für sich oft moralische Größe in Anspruch nimmt. Durch sein faktisches Berufsverbot ist den deutschen Gemeinden auf der Krim irreparabler Schaden entstanden. Viele der Gläubigen können die Entscheidung nicht begreifen, sie bitten ihn, doch wieder die Predigt zu halten, denn einen neuen Pastor aus Deutschland gibt es nicht.

Gödeking selbst hat mehrfach in Erwägung gezogen, diesen unglaublichen Vorgang an die deutschen Medien zu bringen, doch möchte er, daß ein Journalist selbständig recherchiert. Es bleibt also abzuwarten, ob sein Fall noch einmal Wellen schlagen wird, und damit auch die Situation der Krimdeutschen ins Licht der Öffentlichkeit geraten wird. up


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