Veits ausführlicher Lebenslauf

Diesen Lebenslauf mußte ich im Dezember 1997 für die Bewerbung bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes schreiben. Er ist wirklich lang, aber wenn Du einen kleinen Einblick bekommen möchtest, wer ich bin, dann lohnt sich das Lesen auf jeden Fall.


Ausführlicher Lebenslauf von Veit Kühne


Geboren wurde ich am 20. April 1978 in Leipzig. Meine Eltern, Hans-Albrecht (Jahrgang 51, Journalist) und Andrea (Jahrgang 55, Mathe- und Physiklehrerin) hatten gerade erst geheiratet, ich war der erste Sprößling. Nach und nach kamen dann Kjell (1979), Kay (1981), Constanze (1982) und schließlich Till (1985) hinzu, wir fünf waren komplett.

Zu dem Zeitpunkt besuchte ich als "Großer" bereits die 2. Klasse der Polytechnischen Oberschule Alfred-Schmidt-Sas, meine wohlbehütete Kindergartenzeit lag also schon hinter mir. Ein vorbildlicher Schüler war ich wohl, auf jeden Fall sammelte ich viele "Bienchen" und erhielt jedes Jahr aufs Neue die "Urkunde für gutes Lernen in der sozialistischen Schule."

Bald wurde ich Gruppenratsvorsitzender (Klassensprecher), das Entsetzen meiner Klassenlehrerin war jedoch groß, als ich mich zu Beginn der 4. Klasse weigerte, das Amt weiter auszuüben.

Mein Lieblingsfach war damals Mathe, 1988 gewann ich die Matheolympiade im Stadtbezirk Südwest, dem größten Leipzigs.

Ich war eine absolute Leseratte und verschlang alles, was mir unter die Finger kam, so z.B. alle drei Winnetou-Bände schon in der 1. Klasse.

Neben der Schule hatte ich zwei große Freizeitbeschäftigungen: Musikschule und Orientierungslauf. Ich hatte mit Flöte begonnen und war dann bald auf Klarinette umgestiegen. In der Musikschule herrschte ein unglaublicher Leistungs- und Probendruck, so daß ich hier nicht nur meinen Spaß hatte.

Anders beim Orientierungslauf - da machten mir auch drei Trainingstage pro Woche und Wettkämpfe am Wochenende nichts aus, ich ging in diesem Sport auf. Erfolg hatte ich dazu, so wurde ich mehrmals Bezirksmeister und kam bei meiner ersten und einzigen DDR-Meisterschaft 1989 in Einzel und Staffel auf Platz 5. Ich knüpfte über den OL viele Freundschaften, die teilweise bis heute halten - im Übrigen haben sich auch meine Eltern über diesen Sport kennengelernt.

Damit zu einem anderen wichtigen Datum in meinem Leben - dem 3. Dezember 1987, seltsamerweise sind es genau 10 Jahre, wenn dieser Lebenslauf die Studienstiftung erreicht. An jenem Tag gab es bei uns zu Hause eine große Szene - die Ehe meiner Eltern kriselte. Ein Theater begann, das bis heute andauert, und das sicher bei allen von uns Kindern tiefe Spuren hinterlassen hat. Meine Eltern trennten sich damals noch nicht, ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, auf welche Art und Weise sie weiter zusammenlebten. Ich weiß nur, daß für mich nichts mehr so war wie zuvor.

Eine wichtige Rolle für unsere Familie und mich spielten die Ereignisse in der DDR des Jahres 1989. Mein Vater hatte 1985 seine Arbeit verloren und war von der SED mit einem Berufsverbot als Journalist belegt worden, hatte danach Briefe ausgetragen. Leipzig war das Zentrum der friedlichen Revolution, und so war er schon bei der ersten Montagsdemo im September 1989 dabei.

Für mich war es eine spannende Zeit, ich kann mich an viele Einzelheiten erinnern, war später auch selbst mit auf Demos. Ich würde gern viel mehr über diese Monate schreiben, aber dann wird der Lebenslauf nicht rechtzeitig fertig. Festzuhalten bleibt jedoch, daß damals wohl das Fundament für mein heutiges politisches Interesse und Engagement gelegt wurde - das Schlüsselerlebnis sozusagen.

Eine dramatische Wende nahm mein Leben am 23. November 1989. Aus der Schule heimgekehrt bemerkte ich, daß die Hand meiner Mutter zitterte. Auf die Frage, was denn los sei, erzählte sie mir, daß wir mit den zwei Jüngsten, Constanze und Till, für eine Woche in den Westen zu Verwandten fahren würden, was zwei Wochen nach der Grenzöffnung durchaus nichts Ungewöhnliches war. Papi, Kjell und Kay, die an jenem Nachmittag nicht zu Hause waren, würden in Leipzig bleiben.

Wir fuhren also los, über Eisenach in die BRD. Als wir uns nachts schließlich Gießen näherten, brach für mich eine Welt zusammen. Natürlich wußte ich, wofür Gießen stand - das zentrale Aufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR.

Meine Mutter hatte sich erfolglos um eine Stelle bei Ilmenau beworben, um sich von meinem Vater zu trennen. Auf die Absage hatte sie den Entschluß gefaßt, im Westen einen "Neubeginn" zu versuchen. Ich hatte mich von keinem meiner Freunde verabschiedet, keine meiner Sachen mitgenommen. An jenem Tag endete meine Kindheit.

Über mehrere Lager kamen wir schließlich in den Harz, wo wir nach zwei furchtbaren Wochen in einem Wohnheim eine kleine Wohnung fanden. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: keine 10 Monate später rauften sich meine Eltern wieder zusammen und wir kauften ein Haus in Lonau bei Herzberg am Harz. Ich besuchte fortan das Herzberger Gymnasium.

Lonau ist zwar ein sehr schönes, beschauliches 415-Seelen-Dorf, war jedoch mit seiner Abgeschiedenheit für einen angehenden Teenie das Allerletzte. Viele meiner Freunde wohnten 20 Kilometer und mehr entfernt, und so beschränkten sich meine sozialen Kontakte auf die Schule. Einziger Lichtblick war die Original Südharzer Blaskapelle Lonau, mit der ich bald viel unterwegs war, allerdings waren fast alle Mitspieler alte Männer. Hat aber trotzdem einen Riesen-Spaß gemacht.

Auch sonst denke ich eher mit Unbehagen an diese ersten Jahre in Lonau zurück, denn das Theater zwischen meinen Eltern begann von Neuem. Diesmal wurde es sogar noch schlimmer, denn wir Kinder wurden voll in den Konflikt einbezogen. Ende 1991 zog meine Mutter schließlich aus und nach Herzberg, was die Situation für uns natürlich auch nicht unbedingt verbesserte. Im Sommer 1993 wurden meine Eltern geschieden, der Streit war damit nicht beendet, aber er nahm in seiner Intensität ab und wir Kinder gewöhnten uns nach und nach daran.

Der Sommer 1993 war in vielerlei Hinsicht wichtig für meinen weiteren Lebensweg. So hatte ich im Laufe der Zeit den Kontakt zu vielen meiner Freunde in Leipzig verloren. Ich fuhr hin und klingelte einfach an den Türen, heute habe ich wieder gute Verbindungen zu einigen von ihnen.

Zur gleichen Zeit reifte mein Entschluß, nicht mehr nur vom bequemen Fernsehsessel das politische Geschehen zu verfolgen, sondern mich selbst zu engagieren. Ich hatte genug davon, zusehen zu müssen, wie die Zukunft meiner und kommender Generationen aufs Spiel gesetzt wird. Nachdem ich mich gründlich über die verschiedenen politischen Gruppierungen und die dahinterstehenden Ideen informiert hatte, blieb ich schließlich beim Liberalismus hängen, der mich weiterhin fasziniert.

Ich trat in die F.D.P. und bei den Jungen Liberalen (JuLis) ein, und begann schon bald, viel Zeit in dieses neue Hobby zu investieren. Sowohl bei der F.D.P. in Herzberg, im Landkreis Osterode und im Landesverband, als auch bei den JuLis Niedersachsen wurde ich mit offenen Armen empfangen. Vor allem bei den JuLis fand ich viele Leute, die genau auf meiner Wellenlänge waren, uns alle verbindet der Wille, diese Gesellschaft zu verändern, positiven Einfluß auf die Zukunft zu nehmen, und nebenbei kräftig zu feiern. Ich knüpfte viele Freundschaften, und lernte nicht nur eine Menge über Politik, sondern auch über das Studentenleben und das deutsche Bier.

Eine weitere Entwicklung des Sommers 1993 war meine Wahl zum Klassensprecher und zum jüngsten von fünf Schulsprechern. Ich füllte das 2. Amt im Laufe der Zeit mit viel Leben und versuchte, neue Dinge am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium anzuregen. Dabei holte ich mir viele blutige Nasen, denn das Gymnasium wird von einer absolut inkompetenten Schulleitung geführt. Da ich klar für die Rechte der Schüler eintrat und meine Meinung deutlich äußerte, kam ich mehr und mehr mit ihr in Konflikt. Vor allem mein damals doch sehr beharrliches Auftreten in den Gesamtkonferenzen brachte mir böse Worte einiger Lehrer und des Direktors samt Stellvertreter, aber auch den Respekt manch anderer ein. Sowas war man von Schülern nicht gewöhnt.

Der letzte wichtige Punkt des Sommers 1993 war mein Entschluß, mich für das Parlamentarische Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestages zu bewerben, um ein Jahr in den USA zu verbringen. Zuständig war in meinem Wahlkreis die Austauschorganisation AFS. Im Herbst fand das Auswahlwochenende statt, und als ich Mitte Januar die Zusage in den Händen hielt, konnte ich mein Glück kaum fassen. Keine fünf Jahre zuvor hatte ich nur davon träumen können, im Rentenalter vielleicht einmal in den westlichen Teil Deutschlands fahren zu können, und nun wurde ich vom Bundestag für ein Jahr in die USA geschickt - unglaublich! Bis heute bin ich bei jeder Reise aufs neue den Menschen dankbar, die diese unmenschliche Grenze einrissen, aber auch jenen, die mich mit den finanziellen Mitteln ausstatteten und ausstatten, die es mir erlauben, an fast jeden Ort dieser Welt zu reisen, wenn ich dies denn wollte. Dieses Privileg ist nicht selbstverständlich.

Kaum hatte ich mich versehen, saß ich schon im Flugzeug gen New York. Zuvor hatte ich einer recht ungewöhnlichen Plazierung zugestimmt - ich sollte mein Jahr nicht bei einer "normalen" Gastfamilie verbringen, sondern bei einem alleinstehenden, damals 40jährigen Anwalt in North Carolina.

Es stellte sich heraus, daß diese Entscheidung goldrichtig war, denn Dan ist heute mein bester Freund auf diesem Planeten, nicht nur das, er ist Kumpel, Dad und Bruder zugleich. Wir hatten ein bombastisches Jahr, ich zeigte ihm mehr von den USA, als er jemals zuvor gesehen hatte :-). Alle Eindrücke meines Jahres in North Carolina zu schildern würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen, die ja in knapp 18 Stunden im Briefkasten verschwinden muß.

Ich genoß die Zeit in vollen Zügen, machte wirklich das Beste daraus, spielte täglich Klarinette in der Band der Schule, trieb Sport, machte in diversen Clubs mit. Die großartigste Erfahrung war jedoch das Kennenlernen der anderen Austauschschüler. Unter ihnen fand ich Freunde fürs Leben. Wir lernten in der Zeit nicht nur viel über die Vereinigten Staaten, sondern auch voneinander über unsere Länder. Ich organisierte mehrere Wochenenden in Dans und meinem Haus für die AFSer unserer Region.

Ein traumatisches Erlebnis war denn auch der lange Abschiedstag in New York. Um die Gefühle zu beschreiben, die mich bewegten, als sich meine damals besten Freunde in alle Himmelsrichtungen verstreuten, benutze ich manchmal das Bild eines Herzens, von dem viele kleine Stücke abgeschnitten werden. Als ich mich von diesen geliebten Menschen verabschiedete, nahm jeder von ihnen ein Stück mit sich, und ich kann es nur zurückbekommen, wenn ich sie wiedersehe. So verbringe ich heute viel Zeit damit, Freundschaften zu pflegen, sei es mit Briefen, emails oder Reisen. Sie glauben gar nicht, wieviel Kraft es geben kann, zu wissen, daß es immer irgendwo auf dieser Welt Menschen geben wird, die an Sie denken, ein Stück von Ihnen in sich tragen.

Alles in allem bin ich wohl ein weiterer lebender Beweis, daß die großartige Idee des Schüleraustauschs funktioniert. Ich bin AFS für meine Erfahrungen unheimlich dankbar und versuche, soviel wie möglich zurückzugeben. In den gut zwei Jahren seit meiner Rückkehr habe ich viele Austauschschüler betreut, vor allem in Camps. Außerdem steckte ich meine Geschwister an, Kjell verbrachte ein Jahr in Indonesien und Kay ist im Moment in Venezuela - die Familie wächst und wächst.

Das politische Engagement nahm ich sofort wieder auf, schon im Herbst 1995 wurde ich in den Landesvorstand der JuLis Niedersachsen gewählt. Fortan war ich fast jedes Wochenende auf Achse, wenn nicht mit den JuLis, dann mit AFS oder um Freunde zu besuchen.

Die Ferien nutzte ich zu kleineren und größeren Reisen und lernte so nicht nur Deutschland besser kennen, sondern entdeckte auch so interessante Länder wie Lettland, Syrien, die Türkei, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Dänemark. Als Fortbewegungsart für kürzere und mittlere Strecken wählte ich - zuerst noch mit großem Herzklopfen, später mehr und mehr professionell - das Trampen. Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren über 15000 Kilometer auf diese Art zurückgelegt. Man lernt dabei unglaublich interessante Leute kennen, hört spannende Geschichten und vor allem für die Studien- und Berufswahl habe ich viele wichtige Anstöße erhalten. Pfingsten 1996 stellte ich fest, daß ich noch nie in Italien gewesen war, und so nutzte ich unser verlängertes Wochenende zu einem Abstecher nach Venedig, Bergamo und Milano - ein einmaliges Erlebnis.

In der 12. Und 13. Klasse war ich erneut Schulsprecher. Diesmal übte ich das Amt noch engagierter aus als zuvor und konnte ziemlich viel Einfluß auf die Entwicklung der Schule nehmen. Dominiert wurde die Arbeit leider vom ständigen Konflikt mit der Schulleitung, der im Zusammenhang mit dem beherrschenden Thema dieser zwei Jahre - einer Schwerpunktbildung in den 9. und 10. Klassen - zeitweise auch seinen Niederschlag in der örtlichen Presse fand. Gemeinsam mit den betroffenen Schülern und Eltern und mit einigen Lehrern, versuchte ich mit unglaublichem Aufwand an Zeit und Kraft, das System zu verhindern. Wir konnten es schließlich um ein Jahr verschieben, doch heute leidet meine Schwester bereits darunter, so daß ich mir schon die Frage stellen muß, ob sich das alles gelohnt hat. Aber wenigstens die damaligen 8. Klassen konnten zusammenbleiben.

Im Frühjahr 1996 nominierte mich die F.D.P. Herzberg für den Spitzenplatz einer der zwei Listen für die bevorstehende Stradtratswahl am 15. September. Zuvor hatte ich noch einige meiner Freunde überreden können, als Parteilose auf meiner Liste zu kandidieren, um so etwas für Jugendliche in Herzberg zu bewegen.

Nun standen mir jedoch erstmal die Sommerferien und damit ein neues Abenteuer bevor: von meinem besten Freund aus Leipzig hatte ich von der Studienstiftung ZIS erfahren. Sie vergibt jedes Jahr Reisestipendien für Jugendliche. Aufgabe: für mindestens vier Wochen allein ins Ausland fahren, eine Studienarbeit zu einem selbstgewählten Thema sowie ein Tagebuch schreiben, und mit dem Stipendienbetrag von 800 Mark auskommen.

Meine Idee einer Reise auf die Krim hatte die Jury überzeugt, und so machte ich mich auf den Weg - mit dem Bus 20 Stunden durch Polen und dann 31 Stunden mit dem Zug durch die Ukraine bis auf die Halbinsel. Mein Thema war die nationale Frage auf der Krim.Verknüpfen konnte ich das Projekt mit einer sehr persönlichen Angelegenheit. Mein leiblicher Großvater war ein russischer Besatzungsoffizier, was ich erst mit neun Jahren erfahren hatte. Meine Mutter stand nie in Kontakt mit ihm, aber der Zufall wollte es, daß meine Oma noch eine alte Adresse von ihm fand - in Simferopol auf der Krim. Während der Vorbereitungen zur Reise fand ich heraus, daß Nikolaj bereits eineinhalb Jahre zuvor gestorben war. Aber einmal angekommen machte ich seine Frau ausfindig und lernte meine Halbtante und Schenia, meinen kleinen damals 5 jährigen Cousin kennen, von dessen Existenz ich nie etwas gewußt hatte. Es war ein seltsames Gefühl, als ich schließlich am Grab von Nikolaj stand - ich konnte diesen Mann nie kennenlernen, stellte aber durch meine Reise nach 40 Jahren wieder eine gewisse Verbindung zwischen den beiden Teilen der Familie her.

Die sechs Wochen meiner Reise waren eine sehr prägende Erfahrung. Viele neue Eindrücke, Ideen und Menschen auf der einen Seite, aber auf der anderen auch viele Entbehrungen, eine harte Zeit. Ich war überglücklich, als ich schließlich bei Dresden erschöpft in die Arme meiner Großeltern fiel.

Nur sechs Tage später stand ich mit einem Stapel frisch gedruckter Flugblätter unterm Arm auf Herzbergs Straßen - noch ein Monat bis zur Wahl. Ich hatte auf der Krim viel Zeit zum Nachdenken gehabt und mich dafür entschieden, von Tür zu Tür zu gehen. Und so lief ich an jenem Augustnachmittag mit zitternden Knien und einem unwohlen Gefühl im Magen auf die ersten zwei Frauen zu, die glücklicherweise im Garten standen.

"Schönen guten Tag, ich bin hier Kandidat für den Stadtrat und wollte mich Ihnen kurz vorstellen und fragen, ob Sie irgendwelche Ideen oder Anregungen haben, was man in Herzberg noch besser machen könnte." Diesen Spruch wiederholte ich in den folgenden vier Wochen noch einige tausend Mal, schrieb ein ganzes Büchlein mit Anregungen voll, die ich in den über hundert Stunden meines "Häuserkampfes" sammelte. Oft war ich bis zur totalen Erschöpfung unterwegs, aber ich kam in Ecken von Herzberg, die ich nie zuvor gesehen hatte und lernte hochinteressante Menschen mit ihren Geschichten und Wohnzimmern kennen. Jeder politisch Aktive sollte diese wertvolle Erfahrung einmal machen - nach den vier Wochen wußte ich wirklich genau, was die Menschen in Herzberg dachten und von ihrem Stadtrat erwarteten.

Und so mußte ich an jene ersten zwei Frauen zurückdenken, als ich am Abend vor der Wahl todmüde in die Federn fiel. Sie hatten mir mit auf den Weg gegeben, daß es doch gar nicht so schlimm sei, wenn es beim ersten Mal nicht klappen würde, daß der Einsatz zähle. Wie recht sie hatten, ich hatte fürs Leben gelernt.

Aber es klappte! Ich erreichte das zwölftbeste Ergebnis aller 84 Kandidaten, hatte sogar mehr Stimmen als der stellvertretende Bürgermeister und Landtagskandidat der SPD. Obwohl die F.D.P. insgesamt mehr Stimmen erhielt, als bei der vorherigen Wahl, verloren wir durch ein neues Auszählverfahren einen der zwei Sitze, so daß ich als "Einzelkämpfer" in den Rat einzog.

Die Ratsarbeit machte mir viel Spaß, und obwohl sie mich im Wahlkampf sehr unfair attackiert hatten - vor allem wegen meines geringen Alters, ich war gerade 18 - genoß ich bei vielen der meist älteren Ratsherren und -frauen bald Respekt. Ich arbeitete konstruktiv mit, brachte Anregungen, aber auch Kritik vor. Es herrschte ein angenehmes Klima, Meinungsverschiedenheiten wurden meist sachlich und ohne persönliche Angriffe ausgetragen.

Diese positiven Erfahrungen stärkten mir auch für die Schulsprecherarbeit den Rücken. Hier wurde ich oft als Querulant abgestempelt, es wurde versucht, mich lächerlich zu machen und einzuschüchtern. Durch die Ratsarbeit gelangte ich zu der endgültigen Gewißheit, daß der Weg, den ich ging und gegangen war, der richtige war.

Das Abitur näherte sich mit großen Schritten, und so dachte ich mehr und mehr an die Zukunft. Schon seit einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, mich bei einer privaten Wirtschaftsuniversität zu bewerben. Eine andere Möglichkeit war das Studium an einer Uni in Niedersachsen mit gleichzeitigem starken politischen Engagement, um vielleicht später einmal nur Politik zu machen.

Diese Idee ließ ich aber schon bald fallen, denn zum einen will ich kein Berufspolitiker werden und zum anderen hatte ich miterlebt, wie es einigen meiner Freunde bei den JuLis ergangen war, die auf diese Schiene gesetzt hatten, und sich von Leuten abhängig gemacht hatten, von denen ich nie abhängig sein möchte.

Nachdem ich im März ausgemustert wurde, stand für mich fest, daß ich vor dem Studium noch einmal ein Jahr ins Ausland gehen würde - nach Südamerika. Ich wollte Spanisch lernen und noch einmal Zeit haben, um eine fremde Kultur zu erkunden. Daher bewarb ich mich bei AFS für ein Programm von Juli bis Dezember in Venezuela.

Dann beging ich jedoch einen der größten Fehler meines Lebens. Ich bewarb mich gleichzeitig bei der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz, der für mich attraktivsten und besten Studienmöglichkeit in Deutschland. Zu spät erkannte ich, daß die Bewerbung nur für einen Studienbeginn in diesem Jahr galt und somit nicht mit einem Jahr im Ausland vereinbar war. Doch es war ja nicht sicher, ob ich das Auswahlverfahren überhaupt überstehen würde, und dann hoffte ich auf die Toleranz der WHU.

Aber es kam, wie es kommen mußte - fünf Tage vor meinem Abflug nach Venezuela hielt ich die Studienplatzzusage in der Hand, die WHU hatte nicht mit sich reden lassen, sondern bestand auf einem Studienbeginn am 1. Oktober. Ich traf nach acht Stunden die schwerste Entscheidung meines Lebens - ich würde diese einmalige Chance nutzen und auf "mein" Jahr verzichten.

Am nächsten Tag trampte ich nach Koblenz und suchte mir ein Zimmer. Zurück in Herzberg nutzte ich die letzten drei Tage, um mich von meinen Freunden zu verabschieden, um zu packen, und vor allem um zu telefonieren. Ich brauchte ja plötzlich noch ein 12wöchiges kaufmännisches Praktikum, das Studienvoraussetzung an der WHU ist.

Mit ein paar Kontaktadressen ausgestattet, flog ich denn mit einem ziemlich mulmigen Gefühl nach Caracas. Dort angekommen machte ich mich sofort auf die Suche nach einem Praktikum. Und ich hatte Glück, denn ich bekam die Möglichkeit, im nationalen AFS-Büro zu arbeiten. Ich lernte so zwar nicht sehr viel über das wirtschaftliche Alltagsgeschäft, dafür aber Spanisch. Außerdem verbrachte ich viel Zeit mit netten lustigen Menschen, und so war die Reise nach Venezuela, obwohl sie anders und kürzer verlief, als geplant, ein voller Erfolg.

Einen Tag nach meiner Rückkehr begann das Studium an der WHU. Seitdem sind zwei Monate vergangen, und ich bin heilfroh, daß ich mich für diese Uni entschieden habe. Die Studienbedingungen und das Umfeld sind einmalig. Einziger, aber für mich großer Wermutstropfen ist der enorme Zeitdruck. Natürlich habe ich schnell begonnen, Aktivitäten zu entfalten.

So hab' ich die Liberale Hochschulgruppe wiederbelebt und betreue ein Mädchen aus Guatemala, das sein AFS-Jahr in Lahnstein verbringt. Außerdem baue ich ein weltweites Netzwerk innerhalb von AFS auf. Doch stehen alle diese Aktivitäten immer im Konflikt zum Studium. Ich hoffe, daß ich mit der Zeit lernen werde, beides unter einen Hut zu kriegen.

Zum Abschluß noch die fehlende Erklärung, wie es zu meinem wohl doch recht ungewöhnlichen Vorschlag bei der Studienstiftung kam. Dazu ist es wichtig, die Vorgänge um mein Abitur zu kennen.

Drei Tage vor dem mündlichen Abi erreichte mich die Nachricht, daß einige meiner Artikel aus der Abi-Zeitung herausgenommen worden waren, da der Verantwortliche Angst bekommen hatte. In den Artikeln hatte ich die Ereignisse der vergangenen Jahre geschildert und Folgerungen für die Zukunft abgeleitet, gewohnt kritisch. Und so stellte ich mit einigen Freunden eine unzensierte Abi-Zeitung zusammen, die am Tag vor der Abi-Entlassungsfeier auf dem Schulgelände verteilt wurde.

Die Feier geriet denn auch zu einem sehr traurigen Schauspiel. Ich erhielt keine der beiden Ehrungen von Kreis und Stadt für außergewöhnliches Engagement. Außerdem war ich der einzige von 100 Abiturienten, dem der Direktor den Handschlag bei der Zeugnisübergabe verweigerte. Und obwohl ich das zweitbeste Abitur der Schule hatte, schlug er mich nicht für die Studienstiftung vor.

Ich fand mich schnell mit diesen Demütigungen ab, besonders nachdem ich eine email von Gerhard Artmann, dem Vater einer Freundin, der in der DDR für seine Überzeugung im Gefängnis gesessen hatte, mit folgenden Zeilen erhielt: "Kritik wird nicht honoriert. Erwarte das nicht. Bestenfalls können die anderen nichts dagegen machen, daß du kritisierst. Schlimmstenfalls kann es dich alles kosten. Hier im gegenwärtigen Deutschland ist Kritik noch relativ preiswert zu haben, Gott sei dank, aber nicht kostenlos!"

Ich hatte meinen Preis gezahlt.

An der WHU erzählte ich Professor Weber von diesen Vorgängen, er ist der Ansprechpartner für die Friedrich-Naumann-Stiftung, bei der ich mich nun erst einmal beworben habe. Er riet mir, doch einmal zu Professor Albach zu gehen. Das tat ich, er hatte ein offenes Ohr für meine Geschichte, und so kam es zu diesem Vorschlag, für den ich ihm sehr dankbar bin.

Vallendar, 2. Dezember 1997

Veit Kühne


Nachtrag: Ich bin in die Studienstiftung aufgenommen worden. Bin jetzt schon wieder ein paar Jahre älter, die Zeit vergeht. Wenn Du Dich auf dieser Homepage etwas umsiehst, erfährst Du auch, was ich im Moment gerade so treibe.