Brief des Schulelternrates an Schulleiter Kleinicke

Der SER verlangte von Schulleiter Kleinicke eine Stellungnahme zur Aufteilung der Klasse 10a

SCHULELTERNRAT DES ERNST-MORITZ-ARNDT-GYMNASIUMS

37412 Herzberg

Frau Koch
Frau Riechel
Herr Sassenberg


Schulleitung des E.-M.-A.-Gymnasiums

37412 Herzberg

06.08.1994


Sehr geehrte Damen und Herren,

der Vorstand des SER sieht sich veranlaßt, noch vor dem Stichtag für die Klassenbildung zu Beginn des neuen Schuljahres eine Stellungnahme zur Klassenzusammensetzung in der Jahrgangsstufe 11 abzugeben. Der Vorstand ist beauftragt,

1.) die Unzufriedenheit der Schüler und ihrer Erziehungsberechtigten über die Vorgehensweise bei der Bildung der Klassen 11 zum Ausdruck zu bringen.

2.) die Protesthaltung der Schüler der Klasse l0a zu begründen.

3.) von der Schule eine Stellungnahme über die bisher getroffenen Entscheidungen einzuholen und Begründungen über die Nichtbeteiligung von Schülern und Elternvertretern zu fordern.

Zu 1: Der Vorstand des SER verfolgte mit seiner Anfrage in der GK am 13.6.1994 folgende Intentionen: einerseits möglichst frühzeitige Information der Elternvertreter zu der genannten Thematik, andererseits rechtzeitige Thematisierung des Problems in der Schule. Die Aussagen des SL sind im Protokoll erfaßt, zusätzlich gab er die feste Zusicherung, daß kein Schüler gegen seinen Willen eine Klasse wechseln müsse.

Während der SER-Sitzung am 14.6.1994 griff der Schulleiter das Thema erneut auf. Das Protokoll gibt seine Zusagen, die Freiwilligkeit der Schüler betreffend, ausführlich wieder.

In den folgenden Wochen wurden die Klassensprecher der 10. Klassen mehrmals bei Frau Dr. Siebert vorstellig, um die Vorgehensweise bei der Einteilung der Kl. 11 zu erfragen. Sie wurden mit der Aussage entlassen, daß Frau Dr. Siebert sich rechtzeitig an die Schüler wenden werde.

Erst vier Wochen später, fünf Tage vor Ferienbeginn, sah die Schule Handlungsbedarf. Am 14.7.94 kam Frau Dr. Siebert in den Pausen in die 10. Klassen und teilte lediglich mit, wie viele Schüler aus den bestehenden Klassen jeweils in eine neue 11. Klasse überwechseln müßten. Im Falle, daß sich Schüler nicht freiwillig für einen Wechsel aussprächen, werde per Los entschieden.

Die Schüler fühlten sich in dieser Situation übergangen und hintergangen. Übergangen, da ihnen keine ausführlichen Informationen und keinerlei Entscheidungshilfen für eine gemeinsam anzustrebende Problemlösung an die Hand gegeben wurden; hintergangen, weil sie auf die verbindliche Zusage ihres Schulleiters vertraut hatten, die nun keine Gültigkeit mehr zu haben schien.

Die Bereitschaft der Eltern, bei der Lösung dieses schulorganisatorischen Problems mitzuwirken, wurde der Schulleitung mehrfach signalisiert. Bisher sah sie offensichtlich keine Notwendigkeit, die Hilfe der Eltern in Anspruch zu nehmen, denn sie ließ seit dem 15.07.1994 nichts mehr von sich hören.

Zu 2: In der Klasse l0a konnte unter diesen Voraussetzungen keine Lösung zur Reduzierung der Klassenfrequenz gefunden werden. Die Klasse l0a wird von Seiten der Lehrer immer wieder als leistungsstarke Klasse mit sehr gutem Sozialverhalten, das sich in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung der Mitschüler ausdrückt, hervorgehoben. Es ist nur allzu verständlich, daß sich Schüler dagegen wehren, einen solchen Klassenverband zu verlassen und sich dafür einsetzen, diesen zu erhalten.

Weitere Versuche von verschiedenen Lehrkräften, einzelne Schüler zu einem Klassenwechsel zu veranlassen, mußten zu diesem Zeitpunkt scheitern, da sich die Schüler verstärkt Repressalien ausgesetzt sahen, und ihre Motivation, eigenverantwortlich an der Problemlösung mitzuarbeiten, gänzlich zum Erliegen kam. Auch der massive Versuch des Schulleiters, zusammen mit der Klassenlehrerin und einem Fachlehrer am Mittwoch, d. 20.7.1994, - letzter Schultag vor den Sommerferien - die Klasse einzuschüchtern und umzustimmen, war somit zum Scheitern verurteilt. Die Maßnahme, eine Liste mit den Namen der fünf besten Freunde bzw. Freundinnen aufzuschreiben, wurde den Schülern nicht begründet und deshalb von ihnen auch nicht in der erwarteten Weise durchgeführt.

Zu 3: Die Elternvertreter erwarten, daß die Schüler in den Entscheidungsprozeß bei der Klassenbildung einbezogen werden. Die Bereitschaft der Eltern besteht nach wie vor, an der Problemlösung mitzuarbeiten und die Schule zu unterstützen. Wir bedauern es außerordentlich, daß die angesprochene Problematik in den päd. Gesprächen bisher nicht erörtert worden ist.

Schüler und Eltern haben beschlossen, nicht zu resignieren und treffen sich daher am 29.08.94, um die Probleme erneut zu beraten. Wir bitten daher bis zum 26.08.94 um einen Bericht über die von uns angesprochenen Fragen.

Mit freundl. Grüßen

(i. A. Koch)


Die Stellungnahme von Schulleiter Kleinicke, die auf diesen Brief folgte, war so unverschämt, daß auch die ehemaligen Schüler der 10a noch einmal einen Brief verfaßten. Auf diesen antwortete Kleinicke nie. Ich war damals zum Glück schon in den USA, ansonsten wäre ich wohl ziemlich abgetickt...


© 1997  Veit Kühne