"Kritik in der ABI-Zeitung"
oder
"Bitte nehmt uns ernst"

Artikel für die ABI-Zeitung des ABI-Jahrgangs 1997 des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Herzberg
von
Daniela Behre

In einer Abi-Zeitung wird in der Regel immer vieles durch den Kakao gezogen. Lehrern wird zum ersten Mal offen die Meinung gesagt,alles mögliche an ihrem Verhalten kritisiert und ihr Unterricht zum Teil regelrecht niedergemacht. Zugegeben, man hat während all der Jahre einiges an Frust (und vielleicht sogar Wut) aufgestaut; aus Angst den Kürzeren zu ziehen, hat man die ganze Zeit über brav zu allem geschwiegen und konnte es gegen Ende kaum noch erwarten, von der "Macht" der Lehrer befreit zu sein, um endlich mal das loszuwerden, was einem schon ewig auf der Zunge brennt ("Na, über den/die werde ich erstmal in der Abi-Zeitung schreiben!").

Dann setzt man sich hin und schreibt ein paar wirklich gesalzene Artikel, wobei man sich oftmals noch gegenseitig hochputscht, da jedem noch was fieseres einfällt. Der, der von seinem Lehrer ständig bloßgestellt wurde, möchte jetzt mal den Lehrer bloßstellen. Ein anderer wurde vor der Klasse lächerlich gemacht, jetzt soll über den Lehrer gelacht werden. Und der, der öfters mal vom Lehrer beleidigt wurde, hat nichts anderes im Sinn, als jetzt auch mal zu beleidigen.

Wie auch immer, im Grunde geht es sowieso nur darum, sich selbst zu beweisen, daß man nicht der/die einzige ist, an dem/der Kritik geübt werden kann und darf, und daß man eben doch nicht alles wortlos hinnimmt. Ein pro-forma Triumpf ganz am Schluß - ihr, die Lehrer, habt die ganze Zeit geredet und gewaltet wie es euch gefiel, dafür haben wir, die Schüler, jetzt das letzte Wort! Etwas Genugtuung für alles was man bislang widerwillig geschluckt und über sich hat ergehen lassen.

Resultat: Ein Artikel, der kein gutes Haar am Lehrer läßt und in dem die Schüler/innen sich selbst bloßstellen, indem ihre kindisch wirkenden Rachegelüste nur allzu offensichtlich werden. Fällt einem dies bei zweiter Betrachtung des verfaßten Artikels auf, so bleiben einem nur drei Mögichkeiten:

1. Man wirft den Artikel in den Mülleimer.

2. Man entscheidet sich, den Artikel nochmal zu überarbeiten, wobei man an allen Ecken und Enden beschönigt, so daß er am Schluß eigentlich gar nicht mehr mit der eigenen Meinung übereinstimmt.

3. Man entschließt sich, bei dem ersten Entwurf zu bleiben und rechtfertigt das vor sich selbst damit, daß man sich einredet, daß man ja irgendwie dazu verpflichtet ist, die nachfolgenden Schüler vorzuwarnen, oder daß der Lehrer / die Lehrerin vielleicht aufgrund der Kritik zukünftig etwas an ihrem Verhalten ändert.

Entscheidet man sich für Möglichkeit Nummer eins, so ist man alle Sorgen los,abgesehen von der, das man wieder geschwiegen hat.

Bei Möglichkeit zwei gerät man leicht in einen Gewissenskonflikt und bei Möglichkeit drei in Konflikt mit allen möglichen anderen Leuten. Im Laufe der Zeit hat man schließlich schon mitbekommen, wie sehr sich manche Lehrer (auch unbetroffene) über die direkten, oder aus ihrer Sicht unangemessenen Artikel aufgeregt haben.

Die betroffenen Lehrer ändern in ihrer Regel nichts an ihrem Verhalten, was sich in der Vergangenheit nur allzu deutlich gezeigt hat. Jedes Jahr wurde in der Abi-Zeitung denselben Lehrern dasselbe vorgeworfen, wie schon im Jahr zuvor. Man fragt sich ob dies als Folge mangelnder Selbstkritik, der Unfähigkeit an sich bzw seinen Fehlern zu arbeiten oder einfach als eine Art Trotzreaktion zu erklären ist.

Sicher, Kritik an der eigenen Person ist nichts angenehmes - aber sollte es nicht auch Ziel der Schule sein, die Schüler/innen zu kritischen und selbstkritischen Menschen zu erziehen, und wäre es dann nicht besser, wenn die Lehrer nicht nur in einem Punkt mit gutem Beispiel voran gingen?

In diesem Artikel möchte ich darauf hinweisen, daß einige Texte dieser Zeitung, die sicherlich wieder die Gemüter beunruhigen werden, als Ansammlung aufgestauten Mißmutes vieler einzelner Schüler/innen eines Kurses und somit als repräsentativ stehende und andere in Wirklichkeit nur subjektive (d.h., nicht vom ganzen Kurs vertretene) Meinungen zu verstehen sind.

Dennoch bin ich der Ansicht, daß man diese Artikel trotz ihrer womöglich unangemessen wirkenden Kritik nicht einfach so abtun sollte. Schließlich beruht diese in den meisten Fällen auf Vorkommnissen, die die Verfasser/innen tatsächlich gestört haben müssen. Zumindest sollten die betroffenen Lehrer/innen sich Gedanken darüber machen, was an ihrem Verhalten die Schüler/innen dazu veranlaßt haben könnte, einen derartigen Artikel zu schreiben, und warum ein solches Feedback nicht von Angesicht zu Angesicht und nicht schon sehr viel früher gegeben werden konnte.

Und wie steht es mit positiver Kritik? Es bedarf in der Regel keiner großen Anstrengungen um sie richtig auszulegen, und da es ohnehin selten vorkommt, daß sich jemand über positive Kritik beschwert, stellt sie eigentlich auch gar kein Problem dar.

Die Frage ist allerdings, warum man immer den Eindruck gewinnt, daß das Negative überwiegt. Ist denn wirklich alles so schlecht? Oder bleibt einem das berühmte Haar in der Suppe nur länger in Erinnerung als die Suppe an sich?

An unserer Schule beklagt man sich über vieles, und das wie ich meine zurecht. Das Gebäude gleicht in manchen Bereichen (rein äußerlich) immernoch mehr einer Zuchtanstalt als einer Schule, und auf der zwischenmenschlichen Ebene sieht es oftmals genauso trostlos aus, vor allem wenn es um die Verständigung zwischen den Schülern bzw den Eltern und der Schulleitung geht.

Doch was ist mit all den Kleinigkeiten, die für uns Schüler so selbstvertändlich erscheinen? In der Flut der Beschwerden geht meist unter, was in den letzten Jahren schon geschehen ist um den Schulalltag attraktiver und angenehmer zu gestalten, und daß einige Lehrer/innen wirklich bemüht sind ihren Beitrag dazu zu leisten.

Daß die Ausflüge und Fahrten gut angekommen sind, und daß das Engagement der Organisatoren/Organisatorinnen anerkannt und durchaus sehr geschätz wird, dürfte jedoch auch in dieser Abi-Zeitung deutlich werden.

Ein ganz herzliches Dankeschön also an alle Lehrer/innen, die sich entgegen der einstmals aufgekommenen "Drohung", aufgrund der Stundenzahlerhöhung zukünftig auf alle zusätzlichen Aktivitäten zu verzichten, dazu bereit erklärt haben, an Kurs- oder Austauschfahrten teilzunehmen. Dasselbe gilt für diejenigen, die weiterhin AGs anbieten oder sich in irgendeiner Hinsicht um außerschulische Veranstaltungen bemühen.

Im Übrigen sei auch den Lehrern/Lehrerinnen gedankt, die ihre Schüler/innen ernstgenommen haben und sich nicht nur für deren schulische Leistungen sondern auch an ihnen als Menschen interessiert waren. Leider kommt es immernoch vor, daß von Schülern und Schülerinnen erwartet wird, daß sie vorgegebene Meinungen annehmen, oder daß sie einfach auf ihre Note (bzw ihre Punkte) reduziert werden. Manchmal führt ein einmaliges Fehltritt dazu, daß man sofort als Versager abgestempelt wird und einem nach gewisser Zeit gar nichts anderes übrig bleibt, als zu resignieren.

Wäre es da nicht wünschenswert, einander ein wenig aufgeschlossener, toleranter oder schlichtweg mit mehr Verständnis zu begegnen?

Es hat sich jedenfalls gezeigt, daß ein solches Verhalten einem nicht nur in der Abi-Zeitung positive Kritiken beschert, sondern daß es allgemein einige Vorteile mit sich bringt:

Beide Parteien könnten den Schulalltag viel gelassener angehen, wenn die Lehrer/innen und Schüler/innen aufeinander eingehen.

In einer entspannten Atmosphäre lernt man viel lieber (und leichter) und wenn man "für voll" genommen wird, macht man den Mund schon mal eher auf, als wenn man von vornherein befürchten muß, daß eigene Überlegungen niedergemacht werden. Außerdem würde man einem Lehrer gegenüber, der sich für die Interessen seiner Schüler einsetzt, wohl kaum illoyal werden, denn wer sucht schon nach des anderem Haar in der Suppe, wenn man sich bewußt ist, daß man im Grunde in derselben Suppe herumrührt?

Selbst wenn ich einigen Kritiken in dieser Zeitung nicht unbedingt zustimmen kann, wäre ich froh zu wissen, daß sie nicht nur gelesen, sondern auch als für die betreffenden Schüler/innen durchaus notwendig erachtet wahrgenommen werden und zur Reflexion anregen.

Die folgenden Abi-Zeitungen werden sicherlich auch jede Menge Kritik enthalten, aber es wäre schön, wenn sie nicht wieder den selben oder sehr ähnlichen Inhalt hätten wie schon in allen Jahren zuvor.

Daniela Behre


© 1997  Veit Kühne