Leserbrief als Hilfeschrei

Leserbrief von Veit Kühne und Philipp Posselt
im Harz Kurier vom 12. Dezember 1996

Vorbemerkung: Die Gesamtkonferenz hatte kurz vor Ende des Schuljahres 1995/96 die Einführung des Unterrichts mit besonderem Schwerpunkt (UmbS) um ein Jahr verschoben, nachdem ich gemeinsam mit den betroffenen Eltern und Schülern und einigen Lehrern ein halbes Jahr dafür gekämpft hatte. Es wurde ein Ausschuß eingerichtet, der Änderungen am Konzept erarbeiten sollte, um diese dann der Gesamtkonferenz zur Abstimmung vorzulegen.

Am Dienstag, dem 10. Dezember 1996 fand die abschließende Ausschußsitzung statt, an der ich teilnahm. Ich wollte mich so vor der Gesamtkonferenz am 12. Dezember über die Vorschläge informieren, um sie danach  gemeinsam mit meinem Schülersprecher-Kollegen Philipp Posselt den betroffenen Schülern der 7. und 8. Klassen vorzustellen und sie nach ihrer Meinung zu befragen. Dieses Vorgehen hatten wir fünf Schülersprecher zuvor so beschlossen.

Doch wir hatten wiedereinmal nicht mit Schulleiter Kleinicke gerechnet. Er hatte offensichtlich Angst vor der geplanten Information und Befragung der betroffenen Schüler und verbot diese. Natürlich waren wir entsetzt und wütend, trat er unser Demokratieverständnis doch mal wieder mit Füßen. Wir griffen daher zum Mittel des Leserbriefs um Öffentlichkeit herzustellen. Leider waren die anderen drei Schülersprecher Janka Punzet, Nik Dorl-Emden und Christian Schettler nicht bereit, den Leserbrief mit zu unterzeichnen. Er erschien am 12. Dezember, also am Tag der Konferenz, in folgender Fassung im Harz Kurier.


EMA-Schülersprecher

Leserbrief als Hilfeschrei

Die Gesamtkonferenz des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Herzberg soll am heutigen Nachmittag über die Gestaltung des Unterrichts in den Klassen 9 und 10 beschließen. Zur Erinnerung: bereits vor einem Jahr hatte die Gesamtkonferenz den umstrittenen Beschluß gefaßt, "Unterricht mit besonderem Schwerpunkt" einzurichten, d. h. in den Klassen 9 und 10 (und nur in diesen) einen mathematisch/naturwissenschaftlichen Zweig, einen sprachlichen Zweig und einen Zweig im Wahlpflichtbereich zu bilden.

Dieser Beschluß war auf starke Kritik gestoßen, vor allem bei den betroffenen Schülern und Eltern, aber auch bei vielen Lehrern. Nach massivem Protest verschob die Gesamtkonferenz die Einführung des neuen Systems um ein Jahr, um in der Zwischenzeit über Veränderungen zu beraten, die in einem Ausschuß vorbereitet wurden. Der Ausschuß hat nun am Dienstag, also zwei Tage vor der Konferenz, seine Vorschläge vorgestellt.

Die Schülervertretung beabsichtigte, in der verbleibenden Zeit die betroffenen Schüler der 7. und 8. Klassen über die unterschiedlichen Modelle zu informieren und nach ihrer Meinung zu befragen. Dies wurde ihr vom Schulleiter Erhard Kleinicke verboten. Wir betrachten dies als einen Skandal!

An einer Schule, an der zur Demokratie erzogen werden soll, werden die Schüler daran gehindert, ihre Meinung zu Veränderungen zu äußern, die sie hart treffen können. Die 8. Klassen müssen sich nun mit dem Gedanken vertraut machen, daß ihre Klassengemeinschaft in einem halben Jahr aufgelöst wird.

Wir sehen diesen Leserbrief als Hilfeschrei, um auf das unglaubliche Vorgehen der Schulleitung des EMAGs aufmerksam zu machen. Wir appellieren an alle Konferenzmitglieder (ca. 50 Lehrer und Angestellte, fünf Eltern und fünf Schüler), den Beschluß zu verschieben. Wird heute wieder etwas durchgepeitscht, ohne die betroffenen Schüler und Eltern auch nur anzuhören, wird die Glaubwürdigkeit und das Demokratieverständnis, das an dieser Schule vermittelt wird, erheblichen Schaden nehmen.

Veit Kühne und Philipp Posselt

Schülersprecher des EMA-Gymnasiums Herzberg


Die Gesamtkonferenz folgte unserer Bitte leider nicht, sondern stimmte ab, ohne auf die Meinung der betroffenen Schüler Rücksicht zu nehmen. Zusätzlich faßte sie auf Anregung des Schulleiters Kleinicke einen Beschluß, in dem Philipp und ich gerügt wurden, wir hätten "schulinterne Angelegenheiten an die schulexterne Öffentlichkeit getragen". Umso größer war unsere Empörung, als wir am nächsten Tag diesen Artikel im Osteroder Kreisanzeiger lesen mußten, in dem Kleinicke sich über den von ihm angeregten Beschluß hinweggesetzt hatte.


© 1997  Veit Kühne