Demokratieverständnis der Schule in Gefahr?

Artikel erschienen im Osteroder Kreisanzeiger am 13. Dezember 1996 und im Bad Lauterberger Tageblatt am 14. Dezember

Vorbemerkung: Dieser Artikel erschien einen Tag nachdem die Gesamtkonferenz erneut über den Unterricht mit besonderem Schwerpunkt (UmbS) abgestimmt hatte, ohne Rücksicht auf die betroffenen Schüler zu nehmen. Philipp Posselt und ich hatten noch mit einem Leserbrief versucht, die Entscheidung zu verschieben, da Schulleiter Kleinicke uns verboten hatte, die betroffenen Schüler der 7. und 8. Klassen zu informieren und nach ihrer Meinung zu fragen.

Die Gesamtkonferenz hatte uns in einem von Kleinicke angeregten Beschluß gerügt, wir hätten "schulinterne Angelegenheiten an die schulexterne Öffentlichkeit" getragen. Unsere Empörung war daher groß, als wir am nächsten Tag diesen Artikel lesen mußten. Schulleiter Kleinicke hatte sich mit unglaublicher Doppelzüngigkeit über den eigenen Beschluß hinweggesetzt:


Schulleiter und Schülersprecher am Arndt-Gymnasium Herzberg im Streit um "Schwerpunkt-Unterricht"

Demokratieverständnis der Schule in Gefahr?

HERZBERG (ab) Schwerpunktbildung, ja oder nein? Am Herzberger Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium sind die Diskussionen wieder neu entflammt. Nachdem vor einem Jahr der Beschluß der Gesamtkonferenz, in den Klassen 9 und 10 "Unterricht mit besonderem Schwerpunkt" anzubieten, wegen massiver Proteste für ein Jahr ausgesetzt worden war, stand dieselbe Entscheidung am Donnerstag nun erneut auf der Tagesordnung.

Noch am Vortag hatte bereits ein offener Brief der Schülersprecher des Gymnasiums, Veit Kühne und Philipp Posselt, die unverändert ablehnende Haltung eines Teils der Schülerschaft bekräftigt. Insbesondere wurde darin dem Schulleiter, Oberstudiendirektor Erhard Kleinicke, vorgeworfen, den Schülersprechern untersagt zu haben, die Schüler der Klassen 7 und 8 am Mittwoch über ihre Sicht der Dinge zu informieren und nach den eigenen Vorstellungen zu befragen. "Glaubwürdigkeit und Demokratieverständnis" am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium sahen sie deshalb gefährdet, fürchteten, daß Beschlüsse "durchgepeitscht" würden, ohne die betroffenen Schüler und Eltern anzuhören.

Kleinicke gibt zu, den Schülersprechern verboten zu haben, ihrem eigenen Unterricht fernzubleiben und den der 7. und 8. Klassen für ihre "Agitation", so sein Ausdruck, zu unterbrechen. Seiner Ansicht nach hätte zum Meinungsaustausch in einem eigens dafür vorgesehenen Ausschuß genügend Gelegenheit bestanden. Der wurde zwar erst im September gegründet, stand aber allen interessierten Schülern und Lehrern offen. Auch die Klassenlehrer hätten natürlich mit ihren Schülern Gespräche geführt. "Veit Kühne erschien erst zur Abschlußsitzung dieses Gremiums und verkündete seine Thesen", ärgert sich Kleinicke. Der Ausschuß habe sich dann übrigens auf keine Empfehlung einigen können, deshalb habe er wohl auch keine Großveranstaltung zur Schülerinformation organisiert.

Über den Ausgang der Abstimmung in der Gesamtkonferenz ist sich der Schulleiter noch unsicher. Auch Teile der Lehrerschaft wollten am bisherigen Modell festhalten. Das neue würde vier der 32 Pflichtstunden wahlweise in naturwissenschaftlichen Fächern oder einer dritten Fremdsprache vorsehen. Die Klassen müßten dann gemäß dem gewählten Schwerpunkt neu gruppiert werden.


Eigentlich habe ich gar keine Lust, den Inhalt des Artikels weiter zu kommentieren, allein die Wortwahl ("Agitation") spricht wohl für sich. Eine Frechheit ist allerdings der Versuch Kleinickes, den Eindruck zu erwecken, als wäre ich nicht an einer Lösung des Problems interessiert gewesen, und einfach nicht zu dem Ausschuß erschienen. Ich hatte dem Ausschuß nicht angehört, war aber trotzdem zu der letzten Sitzung erschienen, um die Informationen und Vorschläge zur Veränderung des Konzepts an die Schüler weiterzugeben. Welche "Thesen" ich auf der Sitzung verbreitet haben soll, wird wohl allen Anwesenden außer Kleinicke ein Rätsel bleiben.

Jetzt aber mal ohne Sarkasmus: dies ist ein klassisches Beispiel, wie Kleinicke durch persönliche Angriffe, Verleumdungen und doppelte Standards (Philipp und ich kriegen von der Gesamtkonferenz eins übergebraten, weil wir uns an die Presse wenden, für den Schulleiter ist das natürlich in Ordnung...) kritische Menschen mundtot oder wenigstens lächerlich machen will. Daß dieser Schuß hier voll nach hinten losgegangen ist, mag da auch nicht recht beruhigen, kann es doch jederzeit wieder vorkommen. Aus diesem Grund brachte ich Kleinickes verlogenes und beschämendes Verhalten vor die folgende Gesamtkonferenz, schade nur, daß nicht mehr als die etwa 60 anwesenden Lehrer, Eltern und Schüler seine kläglichen Rechtfertigungsversuche miterleben konnten... 


© 1997  Veit Kühne