Klassenaufteilung -
Zerstörung einer Gemeinschaft

Artikel für die Schülerzeitung "Papierflieger" im Dezember 1994 - erneut abgedruckt in der unZENSIERTEN ABI-Zeitung des ABI-Jahrgangs 1997 des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Herzberg
von
Daniela Behre

Genau genommen hatte alles seinen Anfang im Jahr 1990, denn damals kamen wir, mittlerweile Schüler und Schülerinnen der Klassen 11a und 11d, auf das EMA-Gymnasium, wo wir uns in der 7a wiederfanden. Innerhalb eines Schuljahres lernten wir uns langsam kennen - zumindest wußte jeder von uns, zu welchem Gesicht welcher Name gehörte. Erst in der 8. Klasse, als wir merkten, daß man als Gemeinschaft besser im (Schul-) Alltag bestehen kann, fingen wir an, uns mehr und mehr zusammenzuraufen. Sicherlich hat auch der Schüleraustausch nach Frankreich im Herbst 1992 zu dieser Entwicklung beigetragen (auch wenn die Lateiner von diesem ausgeschlossen waren), ebenso die Tagesausflüge, die in den Jahren unternommen wurden. Mit der Zeit entwickelte sich ein entsprechend gutes Lernklima, und somit galt die damalige 9a bei vielen Lehrern (sofern ihre Worte diesbezüglich ernstgemeint waren) im allgemeinen als unkompliziert und war deshalb nicht gerade unbeliebt. Obwohl wir ständig Zuwachs bekamen, während uns einige wenige vorzeitig verlassen mußten, wurde der Zusammenhalt nicht beeinträchtigt.

Im Laufe des zweiten Halbjahres der zehnten Klasse wurde uns mitgeteilt, daß die Klassenaufteilung, welche dazu dient, die Größe der Klassen zu verringern, vermutlich auch vor uns nicht haltmachen würde. Zwar beunruhigte uns dies, wir waren jedoch nicht ernstlich besorgt, da uns Herr Direktor Kleinicke in einer Elternratssitzung versichert hatte, daß niemand gegen seinen Willen aus einer Klasse genommen würde. Konnten wir ahnen, daß es sich als Fehler erweisen würde auf dieses Versprechen zu vertrauen?

Bei genauerem Betrachten stieß man in unserer Klasse trotz des Teamgeistes auf eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Cliquenwirtschaft. Das sollte sich allerdings im Mai 1994 ändern, als wir alle auf Klassenfahrt nach Koblenz fuhren. Während unseres Aufenthaltes hatten wir so viel Spaß, daß wir nach unserer Rückkehr gleich mehrere privat organisierte Zeltparties veranstalteten.

Eine Woche vor Beginn der Sommerferien bekamen wir die Nachricht, daß wir innerhalb von zwei Tagen entscheiden müßten, wer die Klasse verlassen solle.

Zu dem Zeitpunkt belief sich die Zahl der Schüler auf 30. Da aber drei davon im nächsten Schuljahr sowieso nicht in unserer Mitte anzutreffen gewesen wären, blieben noch 27 Schüler/innen, von welchen niemand bereit war, den Klassenverband widerstandslos zu verlassen. Angeblich existiert jedoch ein Gesetz, das verbietet, Klassen der Jahrgangsstufe 11 mit mehr als 22 Personen zu besetzen (dies erscheint uns immernoch fraglich, da unsere jetzigen Kurse zum Teil weit über 25 Schüler/innen beinhalten).

Nachdem sich bis zum letzten Schultag keine Freiwilligen gefunden hatten, gab es in der letzten Stunde vor den Ferien eine weiteren Versuch der Schulleitung, uns zur "Kooperation" zu bewegen: jeder von uns sollte auf einen Zettel die drei Namen der Schüler/innen , mit denen er auf alle Fälle zusammenbleiben wollte, notieren. die Aktion blieb ebenso erfolglos wie alle früheren Bemühungen, denn jeder schrieb auf seinen Zettel, daß er im bisherigen Klassenverband der 10a weiter unterrichtet werden möchte. Letztendlich beschlossen zwei Schülerinnen, die Klasse doch noch zu wechseln. Aber auch 25 Leute wären noch zuviel, meinte die Schulleitung.

Um den Wunsch der beiden zu unterstützen, fügten wir noch hinzu, daß wir mit allen derzeitigen Klassenmitgliedern zusammenbleiben wollten, außer mit den soeben genannten und den dreien, die das für das folgende Jahr sowieso nicht mehr betroffen hätte.

Voller Ungewißheit gingen wir in die Ferien.

Durch einen Rundruf alarmiert erschienen viele von uns schon einen Tag vor Ende der Ferien auf dem Schulgelände.

Unsere Klasse war geteilt worden!

In der 11a waren noch 19 Leute aus der ehemaligen 10a, der Rest gehörte von da an zur 11d. Mitsamt den Elternvertretern marschierten wir ins Lehrerzimmer. Unser Protest bezüglich der Aufteilung, die obendrein völlig willkürlich vorgenommen worden war, berief sich auf das Versprechen, daß niemand gezwungen werden würde, die Klasse zu verlassen.

Der Protest wurde jedoch abgewehrt. Abgewehrt, indem man uns sagte, daß kein(e) Schüler/in aus dem Klassenverband genommen wurde, da man die Klasse in zwei Teile geteilt hätte. Demnach hätten wir gar keinen Grund uns zu beschweren. Außerdem hieß es, daß man ja nicht hätte ahnen können, daß es durch die oben genannte Zusage so viele Komplikationen geben würde.

Unter anderem mußten wir uns auch vorwerfen lassen, daß unser Verhalten unsolidarisch gewesen sei, da wir die fünf Schüler/innen durch namentliches Auflisten auf den Zetteln bewußt ausgegrenzt hätten. Sogar unser Ex-Klassensprecher, der zu der Zeit schon in den USA weilte, und der stets unsere Interessen vertreten hatte, wurde beschuldigt, uns dominiert und tyrannisiert zu haben.

Den ersten Schultag dieses Schuljahres traten fast alle Mitglieder der ehemaligen 10a unmotiviert und niedergeschlagen an, da teilweise auch sehr enge Freundschaften zerrissen wurden.

Seitdem sind nun schon einige Monate vergangen, und es hat sich wohl jeder mit seinem Schicksal abgefunden, sicherlich aber nicht mit der Art und Weise, mit welcher man uns behandelt hat.

Somit soll dieser Artikel auch ein Ratschlag an alle jetzigen und kommenden 10. Klassen sein, sich rechtzeitig zu informieren, um neue Konflikte zu vermeiden und zunächst einmal mehr Zeit zu gewinnen, über dieses Problem nachzudenken.

Im Übrigen stellt sich die Frage, weshalb zu Beginn der 7.Klasse Klassen mit einer Stärke von 30 Schülern gebildet werden, wenn diese Später auf 22 reduziert werden müssen. Vermutlich liegt auch hier die Grundproblematik im Mangel an Lehrkräften. Also gilt letztendlich die Kritik auch denjenigen, für die die Schüler und Lehrer im Gegensatz zu den (sicherlich notwendigen, aber doch nicht über allem stehenden) Sparmaßnahmen nebensächlich zu sein scheinen. Dies allerdings entschuldigt keineswegs die Vorwürfe und Unterstellungen.

Der Dank gilt allen Lehrern, die durch Fahrten, Ausflüge und persönliches Engagement einen großen Anteil daran hatten, daß unsere Klasse zu dem wurde, was sie einst war und heute noch ist - eine gewachsene Gemeinschaft, die immernoch fortbesteht, auch wenn man ihr das Fundament, auf dem sie entstand, genommen hat.

Daniela Behre (Dez. 1994)


In dieser Geschichte wurden neben uns Schülern auch unsere Eltern aktiv. Sie verlangten in einem Brief eine Stellungnahme von Schulleiter Kleinicke. Diese war so unverschämt, daß auch die ehemaligen Schüler der 10a noch einmal einen Brief verfaßten. Auf diesen antwortete Kleinicke nie. Ich war damals zum Glück schon in den USA, ansonsten wäre ich wohl ziemlich abgetickt...


© 1997  Veit Kühne