Semesterbericht Frühjahrssemester 1998
Die Studienstiftung des Deutschen Volkes erwartete nach jedem Semester einen Bericht. Hier schreibe ich, wie ich mich entschloss, nicht mehr zu Vorlesungen zu gehen, wie ich nach China kam, und was ich sonst noch so trieb.
Das 2. Semester sollte anders werden als das 1. Hatte
ich zu Beginn des
Studiums noch mit verschiedenen Lern- und
Studientechniken
experimentiert, glaubte ich nun, das Optimum für mich
gefunden zu haben.
Vor allem wollte ich mich nicht mehr so sehr dem
WHU-Streß aussetzen,
und so fing das Studentenleben erst jetzt richtig an.
Die wichtigste Veränderung war die neue Wohnung. Ich
hatte Ende des 1.
Semesters das Haus im Vogelsang übernommen, und eine
WG organisiert, und
so zogen Marie-Eve (Kanada), Thorsten (8. Semester)
und ich im Januar
ein. Christine (Frankreich) wohnte im Keller, war aber
fast immer oben
bei uns. Das Haus war einfach genial - billig,
geräumig, gemütlich, und
so war es klar, daß ich dort ne ganze Menge Zeit
verbringen würde.
Das Semester begann sehr gemächlich - zu gemächlich,
wie ich fand. Viele
Vorlesungen fielen aus, oder wurden nach hinten
verschoben. Ich war sehr
unzufrieden mit der Organisation des Semesters, denn
während in den
ersten eineinhalb Monaten kaum etwas stattfand,
versprach die zweite
Hälfte des Semesters richtig stressig zu werden.
Diesem Streß wollte ich entgehen.
Zu Beginn des
Semesters ging ich noch
zu den Vorlesungen und bekam so einen Eindruck von
Lehrinhalten und
-techniken. Doch mehr und mehr reifte mein Entschluß,
endlich
Konsequenzen aus meinem Lernverhalten zu ziehen. Ich
hatte schon im 1.
Semester gemerkt, daß ich in Vorlesungen kaum etwas
lernte. Es bringt
mir weit mehr, mich zu Hause mit Büchern und Skripten
hinzusetzen, als
den Professoren zuzuhören.
Da an der WHU die Zeit
meist wirklich knapp
ist, beschloß ich, mich auf die für mich effektivere
Lernmethode zu
beschränken, und nur noch zu den wirklich wichtigen
Vorlesungen zu
gehen. Ich konnte mir so meinen Tagesablauf viel
freier einteilen, der
Streß hörte praktisch auf. Ich war auf die Klausuren
wirklich ganz gut
vorbereitet, denn während die anderen in der Uni
saßen, hatte ich zu
Hause genug Zeit, die relevanten Bücher und Skripte
mehrmals
durchzuarbeiten und Übungsaufgaben zu lösen. In den
Lerngruppen kurz vor
den Klausuren war es dann recht produktiv, denn ich
konnte mein
"Bücherwissen" weitergeben und profitierte im Gegenzug
von den "Tips"
der anderen aus der Vorlesung.
Ich habe mich inzwischen oft gefragt, ob nicht eine
Fernuni vielleicht
besser wäre. Aber dann würde mir eben der soziale
Faktor fehlen. Das
Umfeld an der WHU gefällt mir sehr gut, in Lerngruppen
mit meinen
Kommilitonen zu lernen macht mir Spaß, und oft gehe
ich in die Uni, nur
um mal zu sehen, was gerade los ist. Nur aus den
Vorlesungen ziehe ich
eben keinen besonders großen Nutzen.
Ich war wirklich froh, als ich diesen ganz
persönlichen Rhythmus
gefunden hatte, und merkte, daß er funktioniert, auch
an der WHU. Noch
froher war ich natürlich, als auch die Noten mir die
"Absolution"
erteilten.
Dank meiner Zeiteinteilung konnte ich mich neben dem
Studium auch noch
um andere Sachen kümmern. Am Zeitaufwendigsten war
dabei das
AFS-Hospitality-Network.
Ich hatte kurz vor Studienbeginn im Oktober 1997
begonnen, diese Idee in
die Tat umzusetzen. AFS ist die größte und älteste
Schüleraustauschorganisation der Welt. Ich hatte mit
und dank AFS ein
wunderbares Austauschjahr in den USA verbracht, und
versuche nun, soviel
wie möglich zurückzugeben, wann immer es die Zeit
erlaubt.
Es macht mir
sehr viel Spaß, bei AFS mitzuarbeiten, denn im
Gegensatz zur Politik,
bei der man oft doch recht abstrakt versucht, die
Voraussetzungen für
das Leben vieler Menschen zu verbessern, kann man hier
interessanten
Menschen in einer ihrer wichtigsten Phasen im Leben
helfen.
Das Hospitality-Network gibt es bereits in einer
anderen internationalen
Organisation, in der ich Mitglied bin (Mensa), und ich
bin dabei, es in
einer verbesserten Form auf AFS zu übertragen. Es
funktioniert so: in
jedem Land gibt es einen Koordinator. Dieser
Koordinator sammelt
Adressen von AFSern, die sich bereit erklären, andere
AFSer, die in die
Gegend kommen, bei sich aufzunehmen, oder einfach nur
rumzuführen. Will
man verreisen, wendet man sich an den Koordinator im
jeweiligen Land und
hat so im Handumdrehen Ansprechpartner, auch wenn man
dort keine Freunde
hat. Völkerverständigung leichtgemacht...:-)
Meine Arbeit besteht nun vor allem erstmal darin, die
Idee
bekanntzumachen, Standardartikel und Rundmails zu
schreiben und
Koordinatoren zu finden. Während des gesamten 2.
Semesters vollzog sich
auch die Klärung einiger legaler Fragen - ich hatte
dem legal department
von AFS International bei einem kurzen stopover in New
York schon einen
Besuch abgestattet. Außerdem bastelten wir in der Zeit
eine wirklich
gute Homepage, das Herzstück des Netzwerks, das auf
den WHU-Rechnern
abgelegt ist (http://afshn.home.ml.org).
Vor allem die Betreuung meiner Koordinatoren in
inzwischen 25 Ländern
nimmt viel Zeit vor dem Rechner in Anspruch, denn
jeder will einzeln
motiviert werden, länderspezifische Probleme gelöst
werden.
Nachdem die Grundstruktur stand, die Homepage lief und
auch die
rechtlichen Fragen geklärt waren, war ich verdammt
stolz, am letzten Tag
des 2. Semesters, nach 8 Monaten Arbeit den Startschuß
für das Netzwerk
geben zu können. Seitdem läuft die Suche nach
Gastgebern auf der ganzen
Welt.
Mein politisches Engagement beschränkte sich im 2.
Semester auf die
liberale Hochschulgruppe an der WHU, denn für aktive
Gremienarbeit in
der F.D.P. und bei den JuLis bin ich im Moment einfach
zuviel unterwegs.
Allerdings ließ ich es mir nicht nehmen, zur
Niedersachsenwahl nach
Hannover zu fahren, um mit meinen Freunden den
Wiedereinzug in den
Landtag zu feiern. Leider wurde es statt dessen eins
meiner traurigsten
politischen Erlebnisse.
Eine Menge Zeit kostete mich die Praktikumssuche. Ich
hatte ja im 1.
Semester begonnen, Japanisch zu lernen, und versuchte
so, in Japan ein
Praktikum zu finden. Aber alle Bemühungen blieben ohne
Ergebnis, ich
erhielt eine Absage nach der anderen. Etwa einen Monat
vor Semesterende
zog ich dann die Notbremse. Ich wollte unbedingt ins
Ausland, und so
schickte ich meine Bewerbung per Email und Fax an
Ex-Studienstiftler und
Ex-WHUler im Ausland, sowie an deutsche
Außenhandelskammern. Es ergaben
sich schnell eine Menge interessanter Möglichkeiten,
unter anderem in
Israel, Aserbaidschan, Korea und Neuseeland.
Das
interessanteste Angebot
kam jedoch aus China. Die Firma Globus Service Network
ist eine kleine
Immobilienberatung, die Dr. Andreas Ermann seit vier
Jahren in Schanghai
und Peking aufbaut. Er hat an der WHU bei Professor
Jacob promoviert,
was wohl den Ausschlag für sein Interesse an mir gab,
nachdem der die
Bewerbung von der AHK in Peking erhalten hatte.
Kunden von Globus sind expatriates, vor allem
deutsche, die nach China
ziehen, oder bereits dort sind.
Ich habe ein Praktikum
in einem sehr
angenehmen Arbeitsklima absolviert, was wohl vor allem
an der Größe der
Firma liegt, und an der guten Betreuung durch Andreas
und seine Frau
Lei, bei denen ich auch wohnte.
Ich übernahm eine Menge Aufgaben, die im
Alltagsbetrieb liegengeblieben
waren, die umfangreichste war dabei die Entwicklung
der
Firmen-Datenbank, die der Zettelwirtschaft ein Ende
setzte. Aber auch
die Entwicklung der Homepage
(http://www.gsn-china.com), die Erstellung
des Marktberichts und eines Strategiepapiers, sowie
die Betreuung von
Kunden und Objekten gehörten zu meinen Aufgaben. Alles
in allem eine
wirklich abwechslungsreiche Tätigkeit.
Ganz besonders profitierte ich aber von dem Umfeld,
das ich in Shanghai
vorfand. Die Energie steckte an, und mit den vielen
neuen Ideen
ausgerüstet, plane ich nun, sobald wie möglich eine
eigene kleine Firma
zu gründen. Und natürlich war es für mich wieder ein
ganz besonderes
Erlebnis, die chinesische Kultur mit ihren Licht-,
aber auch
Schattenseiten kennenzulernen.
Mehr über das Praktikum
können Sie in
meinem ausführlichen Praktikumsbericht lesen, der
Ihnen in Kürze zugehen
wird.
Ich möchte der Studienstiftung aber schon an dieser
Stelle für die
Übernahme eines Großteils meiner Flugkosten danken,
die mir die
Absolvierung dieses unbezahlten, aber lehrreichen
Praktikums ermöglicht
hat.
Bleibt noch, ein kurzes Fazit zu ziehen. Ich habe im
2. Semester
gelernt, daß es auch an der WHU mit ein wenig
Selbstorganisation und
Konzentration auf das Wesentliche möglich ist, ein
angenehmes Studium zu
führen. Die tiefen Augenringe und Streßzustände lassen
sich vermeiden.
Und nebenbei fällt auch noch eine erstaunliche Menge
Zeit für
außeruniversitäres Engagement ab. Das hatte ich vorher
nicht erwartet,
und so freue ich mich jeden Tag aufs Neue darüber. Ich
genieße mein
Studium an der WHU.
Prag, im September 1998
Veit Kühne