Semesterbericht Frühjahrssemester 1999

Die Studienstiftung des Deutschen Volkes erwartete nach jedem Semester einen Bericht. Hier erzähle ich von meinem Auslandssemester in Atlanta, vom Mardi Gras, und wie es mich nach Australien verschlug...

Im 4. Semester verschlug es mich ans Georgia Institute of Technology (Georgia Tech) nach Atlanta. Die Uni hatte mich gereizt, weil ich so die Möglichkeit hatte, noch einmal in die Südstaaten der USA zurückzukehren, in denen es mir schon während meines Austauschjahres als Schüler gut gefallen hatte (damals war ich in North Carolina). Georgia Tech war mir ein Begriff, da es zur Atlantic Coast Conference (ACC) gehört, in der sich auch die besten Unis North Carolinas tummeln.

Einmal in Atlanta angekommen, gab es erstmal einen Haufen bürokratischer Dinge zu erledigen. Es ist schon erstaunlich, wieviel Zeit und Kraft so banale Sachen wie die Kurswahl kosten können. An der WHU wird einem das ja fast alles abgenommen, es brauchte wirklich diesen Auslandsaufenthalt, um zu begreifen, wie glücklich wir uns dort schätzen können.

Ich fand glücklicherweise noch einen Platz in einem Wohnheim auf dem Campus, und auch für Christoph, den anderen WHU-Studenten, der ein paar Tage nach mir ankam, konnte ich noch einen ergattern. Ich wohnte nun also in einem Doppelzimmer mit Jeff in einem typischen amerikanischen Dormitory für Undergraduates. Jeff studiert Informatik und ist ein sehr religiöser, stiefel-, hut- und manteltragender Southern Boy, mit dem ich von der Seite also nicht allzuviel gemein hatte, mit dem es sich aber supergut zusammenwohnen ließ.

Ich lernte schnell die anderen Jungs auf unserer Etage im Wohnheim kennen, und während des Semesters entwickelten sich so ein paar gute Freundschaften. Ich war wirklich froh, daß ich in einem Undergrad Dorm untergekommen war, denn mit den Jungs hatte ich einfach viel mehr gemein, als mit vielen Leuten im MBA-Programm, an dem wir dort ja teilnahmen.

Es war teilweise schon seltsam, als 20jähriger bei einem illegalen Bier (ich mußte mir den Personalausweis von einem anderen Deutschen ausleihen, damit ich wenigstens ab und zu etwas trinken konnte) zwischen 26-30jährigen und Älteren zu sitzen, für die dann eben Familie oder der Job interessante Gesprächsthemen waren.

Da war es dann doch oft unterhaltsamer, mit den Jungs irgendwelche verrückten Sachen im Internet anzustellen, oder Frisbee zu spielen. Die technische Anbindung der Uni und des Wohnheims war einfach unglaublich, ich habe in den 10 Wochen soviel über Computer und das Netz gelernt, wie in meinem ganzen Leben nicht. Die Faszination, die das Internet auf mich ausübt, hat sich dadurch nochmals verstärkt.

Auf fachlichem Gebiet war es einmal ganz interessant, einen Einblick in das Ausbildungssystem im amerikanischen MBA zu bekommen. Die Praxisorientierung sorgte für einen oft recht anschaulichen Unterricht, inwiefern mir die vielen gelesenen und besprochenen cases in Zukunft nützlich sein werden, wird sich zeigen.

Ein Kurs, interessierte mich besonders - wir besprachen das Zustandekommen von Innovationen, meine Gruppe analysierte die Auswirkungen von Gruppenzusammensetzung und -verhalten auf Innovationen. Da spielte viel Psychologie mit rein - und die beschäftigt mich seit einiger Zeit sehr. Ich hab mir in den letzten Monaten öfter mal Bücher ausgeliehen und quergelesen.

Ein anderer Kurs wurde von Professor Levy, einem alten New Orleanser gegeben. Naja, und so hatte ich schon eine Veranlassung, zum Mardi Gras nach New Orleans zu fahren, denn im Unterricht konnte ich mich bei ihm in den Tagen auf keinen Fall sehen lassen. 5 Tage hielt ich es bei dem verrückten Fest aus. Die Rückfahrt gestaltete sich höchst spannend - ich hatte Christoph, den anderen WHU-Studenten, überredet, es rückzu trampenderweise zu probieren. Wir versuchten unser Glück zuerst an einem Truck Stop in den Außenbezirken von New Orleans. Dort wurden wir nach ein paar erfolglosen Stunden zwar verjagt, aber ein freundlicher Ami brachte uns zu einem anderen Truck Stop, wo wir schließlich Erfolg hatten. Wir halfen Donald, unserem schwarzen Fahrer noch beim Beladen seines Riesen-Lasters, und dann ging's ab gen Atlanta. Alles in allem ein sehr komfortables Abenteuer - während einer von uns sich mit Donald unterhielt, vertrieb sich der andere hinten in der bequemen Kabine die Zeit mit Videospielen oder Filmen aus der umfangreichen Videothek.

Natürlich nahm auch in Atlanta das Engagement bei AFS wieder einen Großteil meiner Freizeit in Anspruch. Ich fand sehr schnell Anschluß an das Komitee vor Ort und organisierte ein paar Sachen für die Austauschschüler, die so mal einen Einblick in das amerikanische Uni-Leben bekamen. Außerdem half ich bei zwei Camps als Betreuer mit - einem in Alabama und einem in North Carolina. Es war schön, 4 Jahre nachdem ich selbst in ihrer Position gewesen war, mit den Kids zu arbeiten, und das noch dazu mit den Leuten, die damals meine Betreuer gewesen waren. Das Wort Betreuer ist hier im Übrigen nur eine schlechte Übersetzung von counselor oder volunteer, mit Kindergarten hat das nicht viel zu tun, was wir in den Camps machen.

Bei einer Sache hatte ich keinen Erfolg in Atlanta - bei der Praktikumssuche. Ich wollte diesmal nach Australien, Neuseeland oder in ein arabisches Land, um einmal diese Ecken der Welt kennenzulernen. Naja, nachdem ich am Ende meines Semesters in Atlanta noch nichts in der Hand hatte, beschloß ich, kurzerhand hinzufliegen. Ich buchte im Internet einen 6-Monatsflug Frankfurt-Sydney-Auckland-Bangkok-Frankfurt, verbrachte 4 Tage in Deutschland, und war schon wieder weg.

In Sydney klapperte ich mit einem Stapel Lebensläufe unter dem Arm die deutschen sowie einige andere große Unternehmen ab. Die Suche gestaltete sich recht schwierig, denn die Begriffe WHU oder Studienstiftung sagen dort unten natürlich kaum jemandem etwas, vor allem den Empfangsdamen nicht, an denen es immer erstmal vorbeizukommen galt. Schließlich klappte es aber doch, und so absolvierte ich mein Praktikum bei Gerling in der City von Sydney.

Das ist nun schon wieder Monate her, im Moment sitze ich in meinem Zimmer in Brüssel, wohin es mich für das 2. Auslandssemester verschlagen hat. Die drei Monate zwischen Australien und Belgien gehörten zu den glücklichsten meines Lebens, konnte ich sie doch ganz dem Reisen widmen - 6 Wochen durch Neuseeland trampen und 6 Wochen Thailand und die Volksrepublik Laos erkunden. Da ich der Studienstiftung auch diesen Teil meines Studiums - zumindest in finanzieller Hinsicht - zu verdanken habe, bin ich gern bereit, einmal ein paar Geschichten von dieser Reise zu erzählen (z.B., wie ich mir den Fuß in einer alten sowjetischen Flugabwehrkanone auf einem Berg in Laos gebrochen habe), allerdings will ich in diesem Bericht nicht allzuviel Fernweh wecken, und lasse es daher bei einem Gruß aus Brüssel und einem Dankeschön bewenden.

Brüssel, im Oktober 1999

Veit Kühne

Studienstiftung      WHU