Nimm mich mit

Beim Surfen im Netz entdeckte ich zufällig diesen Artikel von Ivo Knahn in der Würzburger Mainpost. Da es ein erstklassiger Artikel ist, und er offensichtlich auf meiner Seite gewesen war (lies Dir mal den ersten Absatz durch), rief ich ihn kurzerhand an, und fragte, ob ich den Text auf meine Seiten packen könnte. Kein Problem, und so bleibt er hier der Trampergemeinde erhalten. Danke, Ivo!

Die Mainpost - eine tramperfreundliche Zeitung MAIN-SPESSART Schlagen wir die Ängste in den Wind und uns stattdessen auf die Seite der überzeugten Tramper. Die sagen, die größte Gefahr beim Trampen sei es, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Ich glaube das sofort und entdecke eine alte Leidenschaft neu, die einst in der Not geboren wurde. Eine Woche ohne Auto, aber mit dem Daumen durch den Landkreis Main-Spessart - schnell, zuverlässig, unterhaltsam, billig. Einfach wunderbar.

Ich habe die Kilometer nie gezählt. Es waren Zigtausende durch Deutschland, Schweden, England, USA oder Südamerika. Da war eine Ente, durch deren Rostlöcher im Boden der Blick frei war auf die Straße. Da war ein schwuler Amerikaner, der mir gerne an die Wäsche wäre, ein Punk, dessen Musikanlage so laut war, dass mir die Ohren zwei Tage lang surrten.

Da waren eine Menge waghalsiger Fahrer, wie man sie mit etwas Pech auch in der eigenen Familie findet. Das war es mit Gefahren. Mitgefahren bin ich bei hunderten Menschen. Zuletzt zwang mich vor vier Jahren eine Wette auf die Strecke London - Marktheidenfeld. Unter 16 Stunden ab Calais war das Ziel. Zwölf Stunden war das Ergebnis.Trampen in Deutschland - Daumen Hoch - Foto: Ivo Knahn

Und am Montag vergangener Woche eine Schnapsidee: von Lohr nach Rieneck und zurück. Einfach so. "Unter zwei Stunden geht da gar nix", hat der Kollege gesagt. "Locker. Das langt noch für ein Eis in Rieneck", hab ich geantwortet und stand drei Minuten später an der B 26.

Daumen raus, lächeln und den Fahrern immer in die Augen schauen. Schön, wenn die Ortsansässigen die Hand heben und mit dem Zeigefinger nach unten tippen. "Ich bleib' am Ort", soll das heißen - der gute Wille war da.

"Die Deutschen haben halt vor allem Schiss"

Jeff Autofahrer aus Karbach

28 Autos in sieben Minuten. Ein Partensteiner hält, fährt bis Gemünden und nimmt mich mit bis zum Kreisel in Richtung Rieneck. 52 Jahre, selbst früher ständig "per Stopp" gefahren, und jede Menge Geschichten hat er auf Lager. "Nie was passiert", sagt er. Lediglich sein Vater hatte mal einen aufgeladen, der "bestialisch gestunken" hat. "Den hat er gefragt, ob er mal nach den Bremslichtern schauen könnte." Als der Tramper draußen war, gab der Vater Gas und war verduftet.

Stopp am Kreisel vor Gemünden, "Tschüss und Danke". Sechs Minuten, 18 Autos, dann hält Peter Schröder, 36, aus Burgsinn. Nackter Oberkörper, ein Tattoo auf dem Oberarm und eine Aussage, die kaum überrascht: "Bin selbst lang genug getrampt." Mittlerweile drehe er sogar manchmal um, wenn er zu schnell war und einen übersehen habe. Peter ist aber ehrlich: "Neulich stand da so ein verhauter Typ mit fünf Taschen. Den hab' ich stehen lassen."

Goldene Regel: Gepflegt muss man ausschauen. Das heißt auch: keine Kippe im Mund, keine Hand in der Hosentasche, keine Mütze über den Augen, keine Sonnenbrille und bitte, bitte, bitte, kein Hosenbund in der Kniekehle. Wer nachts trampt, sollte sich unter eine Laterne stellen und zwar so, dass das Licht ins Gesicht scheint, nicht in den Rücken. Das, was man dabei hat, sollte man ordentlich präsentieren. Autofahrer hassen nichts mehr, als wenn einer den Daumen raushält, und zwei, drei andere aus dem Gebüsch springen, sobald man angehalten hat. Wenn ich am Steuer sitze, lade ich auch solch ein Trio in mein Auto und halte dann eine Standpauke. Von Tramper zu Tramper, im Sinne der Zunft.

Peter setzt mich in Rieneck ab. Ich bin gerade eine halbe Stunde unterwegs. Aus dem geplanten Eis wird nichts, weil ich den Geldbeutel vergessen habe. Also gleich zurück. Acht Minuten, 23 Autos. Dann halten Edith und Otto, die meine Eltern sein könnten. Und deshalb haben die Burgsinner mich auch mitgenommen: "Wenn wir abends unsere Tochter aus der Disco holen, haben wir oft das ganze Auto voller Tramper." Und natürlich ist Otto früher selbst getrampt. Ich stehe noch keine zwei Minuten wieder am Kreisel bei Gemünden, da kommt der Herr aus Partenstein wieder. Zufall? Nein, typisch für Tramper auf Kurzstrecken. Man sieht sich immer wieder.

Der Kollege in der Redaktion staunt nicht schlecht. 60 Minuten statt 120 für die Strecke nach Rieneck und zurück. "Glück gehabt", sagt er, und ich winke ab: "Das funktioniert immer." Fast immer. In Argentinien ist es passiert, dass ich zehn Stunden im patagonischen Gebläse an einer Schotterpiste stand. Obwohl es die Hauptverbindungsstraße nach Norden war, stand ich dort exakt zehn Stunden. Nicht bis mich einer mitnahm, sondern bis das erste Fahrzeug kam. Und das fuhr vorbei.

"Wir haben oft das ganze Auto voller Tramper"

Edith und Otto Ehepaar aus Burgsinn

Im Spessart kann das nicht passieren. Im Schnitt stand ich bei 22 Fahrten 7,4 Minuten. Jedes siebte Auto hat angehalten. Anders gerechnet: 185 Kilometer habe ich zurückgelegt. Dafür stand ich 163 Minuten, also zweidreiviertel Stunden am Straßenrand. Fünfmal hat mich das erste Auto mitgenommen. Dafür musste ich am Sonntagmorgen in Waldzell 32 Minuten warten, bis das sechste Auto anhielt.

Ein Vergleich mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist unmöglich: Welcher Bus fährt um 21 Uhr von Lohr nach Roden? Oder um 1730 Uhr nach Karlstadt? Oder um 16 Uhr nach Lengfurt? Der Bus ist weniger flexibel, und er kostet Geld.

Die Statistik macht Mut, ein anderes Ereignis macht Wut: Ein Lastwagenfahrer hat am Montag vergangener Woche eine 16-Jährige vergewaltigt, die per Anhalter zwischen Hammelburg und Bad Kissingen unterwegs war. Verlässliche Zahlen über Verbrechen und Delikte beim Trampen gibt es nicht. Die Polizei rät aber generell vom Trampen ab. Die Frage, ob Tramper mehr Angst vor den Autofahrern haben müssten oder umgekehrt, bleibt offen.

Im Tramper-Alltag lassen sich Gefahren bis zu einem gewissen Grad vermeiden. Grundsatz: Jeder kann sich selbst aussuchen, bei wem er einsteigt. Jeder kann bei Fahrtbeginn das Kennzeichen per SMS an einen Bekannten schicken. Wenn man das mit dem Autofahrer abspricht, wird dieser sicherlich einverstanden sein, wenn er nichts im Schilde führt. Wer sich als Tramper in einem Auto nicht wohl fühlt, sollte darum bitten, bei der nächsten Gelegenheit auszusteigen. Frauen sollten bei Dunkelheit nicht allein trampen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Verunsicherung anderer Art scheint es bei dem ein oder anderen Autofahrer zu geben. Ein Mann, der in der vergangenen Woche auf dem Weg nach Karlstadt anhielt, dachte, es sei verboten, Tramper mitzunehmen. Ist es nicht. Selbst mit der Versicherung gibt es keinerlei Probleme. "Tramper sind genauso versichert wie jeder andere Beifahrer auch", sagt Jürgen Kutzer vom Versicherungsbüro Förtig und Müller in Marktheidenfeld.

Keiner der 22 Autofahrer, die mich in den sieben Tagen mitnahmen, hat jemals schlechte Erfahrungen gemacht - weder als Mitnehmer noch als Tramper. "Junge Leute nehm' ich immer mit. Auch wenn ich alleine bin", sagt Verena Gwosdz aus Bergrothenfels, die mich zwischen Lohr und Lengfurt aufgabelte. Und ihre Schwester Melanie, knapp 20, stimmt ihr zu: "Ich bin selbst oft genug getrampt. Die wollen einfach nur heim." Wenn Leute "so ab 40" den Daumen raushalten, schauen beide zweimal hin. Melanie: "Das find' ich dann schon verwunderlich, dass so einer trampt."

Entsprechende Probleme hatte der etwa 40-jährige Rocker aus der Bad Kissinger Gegend, der mich von Neustadt bis Hafenlohr mitnahm: "Ich stand mal drei Stunden bei Hösbach, als mein Motorrad kaputt war. Mit Kutte, langen Haaren und Helm in der Hand." Am Ende hat ihn ein Freund abgeholt, obwohl der Rocker zweifelsfrei harmlos war. Wie er sagt, habe er zwar bereits eine 18-monatige Bewährungsstrafe hinter sich. Und doch fühlt man sich wohl an seiner Seite: "Ich habe einen Kerl halb totgeschlagen, der gerade dabei war, eine Frau zu vergewaltigen." Mit Trampen hatte der Fall nichts zu tun.

"Tramper sind genauso versichert wie jeder andere Beifahrer auch"

Jürgen Kutzer Versicherungsfachmann

Trampen ist sozial wertvoll. Wildfremde Menschen erzählen von sich. Manchmal ist das nervig, und auf Langstrecken steigen Tramper deshalb gerne mal aus. Oft genug trifft man aber auf tolle Typen. Von Hamburg nach Würzburg stoppte vor Jahren ein Vorstandsmitglied der Opel AG. Der Omega war nagelneu, fuhr meist über 200 Stundenkilometer und brachte mich und meine damalige Freundin in vier Stunden bis Würzburg-Kist. Der ICE braucht zwar nur dreieinhalb Stunden, kostet aber 82 Euro. Und man bekommt kein Eis serviert, wie damals im Omega.

Im Spessart trifft man Jeff aus Karbach. Er ist 53 Jahre, war nie verheiratet, hat keine Schulden und sieht deshalb jünger aus. Sagt er. Und als Tramper aus der Hippie-Zeit erinnert er sich, wie man zu dreißigst an der Autobahn stand, um gen Süden zu trampen. "Heut' trampt ja kaum noch einer. Und wenn, dann nimmt ihn keiner mit. Die Deutschen haben halt vor allem Schiss. Purer Egoismus."

Weil das nicht immer so ist, dreimal Danke an alle, die wie selbstverständlich anhalten. An den Geschäftsmann im BMW, an die Krankenschwester aus Ansbach, die sagte, ich könnte ja ihr Sohn sein. An den Opa aus Ansbach, der mich schlicht verwechselt hatte und mich trotzdem nicht stehen ließ. An den Controller, der aus Darmstadt kam und zu einem Klassentreffen bei Jena unterwegs war. Und an die Hebamme, die sonntags in Waldzell stoppte, obwohl in Lohr eine gebärende Mutter auf sie wartete.

Super-Artikel, oder? Davon müsste es noch viel mehr in den Medien geben, und bald wären wieder mehr Tramper auf den Strassen unterwegs. Zurück zum Tramperhome.