Fahrvergnügen:Na, wohin
soll´s gehen?
Der Daumen, der nach oben deutet, ist an deutschen Straßen ein seltener Anblick geworden. Manche Autofahrer wissen gar nicht mehr, was er bedeutet. Mitfahrzentralen, Bahncards und Wochenend-Tickets haben das Trampen verdrängt. Diese Art zu reisen scheint der Vergangenheit anzugehören. Macht es das nicht noch romantischer? Unser Autor wollte sich auf einem Trip von Frankfurt nach Sylt vom Tramp-Gefühl anstecken lassen.
Text: Henning Kober Photo:
Dominik Asbach
Ganz dunkel erinnern wir uns.
Es war irgendwann in der Zeit, in der wir die ersten Garagenpartys feierten.
"Ruf uns bitte an, wir holen dich dann ab. Nicht trampen, hörst du",
hatte die Mutter gesagt. Wir haben damals auf sie gehört und sind
eigentlich bis heute nie getrampt. Warum auch? Es ist 9 Uhr morgens, und
die Wolken am Himmel sehen nach Regen aus. Unser Pappschild, auf dem mit
schwarzem Edding "A5 Norden" geschrieben steht, erregt die Aufmerksamkeit
der wenigen Autofahrer, die am Frankfurter Hauptbahnhof
vorbeifahren. Schade, dass fast alle ein Frankfurter Kennzeichen haben.
Langsam laufen wir dem Autobahnzeichen auf einem großen Verkehrsschild
entgegen. Wir gehen vorbei und zum nächsten Schild und weiter und
weiter, immer noch hält kein Auto. Schon jetzt ist der Rucksack ziemlich
schwer. Zusammen mit dem Fotografen Dominik bin ich auf der Suche nach
einem mysteriösen Gefühl, das etwas mit Abenteuer zu tun haben
könnte. Und weil der Mensch ja anscheinend nur Erfolg hat, wenn er
sich Ziele steckt, wollen wir an einem Tag von Frankfurt aus nach Sylt
trampen. Am Meer war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Auf
der Internetseite eines erfahrenen Trampers hatten wir uns zuvor über
die wichtigsten Regeln informiert: "Geduld haben. Manchmal musst du halt
"ne Weile fragen, aber du kommst immer weg." Und ganz wichtig: "Freundlich
und sauber sein." Wenn"s weiter nichts ist. Auf einmal hält
ein altes graues Auto. Tommy und Melissa sagen, sie wollen eigentlich nur
zu einem Baumarkt im Norden Frankfurts, aber egal: Hauptsache, wir kommen
hier weg. Tommy ist 19 und braun gebrannt. Seine Freundin Melissa strahlt
über das ganze Gesicht. Sie ist hübsch. Die beiden sind in Südamerika
groß
geworden,
und weil der Motor ihres alten Autos laut ist und Tommy nicht so gut Deutsch
spricht, kann man nicht alles verstehen. Es dauert eine Weile, bis mir
klar wird, dass Tommy gerade dabei ist, nur wegen uns fast fünfzig
Kilometer über die Autobahn zum ersten Rasthof zu fahren. Warum er
das macht? Vielleicht, weil er selbst schon viel getrampt ist. Von Budapest
nach Amsterdam zum Beispiel. Er erzählt, wie schwierig es war, zu
dritt in Tschechien mitgenommen zu werden oder was für Ängste
er einmal auf dem Rücksitz eines Motorrads ausgestanden hat. Rechts
und links ziehen Felder und Wiesen vorbei. Alles wirkt farblos, aber ich
bin aufgeregt und glücklich. Endlich on the road. "Ihr müsst
die Leute direkt ansprechen", gibt uns Tommy mit auf den Weg, als wir die
Raststätte "Wetterau" erreichen.
Schon nach zwanzig Minuten
haben wir die Nächsten gefunden, die uns mitnehmen. Klappt ja prima.
Eine Frau Anfang fünfzig und ihr deutlich jüngerer Freund lassen
uns einsteigen. Der rote Automatik-Kombi ist nicht unbedingt eine Luxuskarosse.
Meine Füße sind hinter dem Fahrersitz eingeklemmt, und anschnallen
kann man sich auch nicht. Auf den Armaturen liegt Staub. Ein ausgebleichter
Smilie-Aufkleber ermuntert zur Fröhlichkeit. Etwas mühsam beginnt
die Konversation. Der Fahrer, Rainer, jagt den Opel über die linke
Spur, bis ihn ein anderer Raser mit Lichthupe vertreibt. Nach dem Reiskirchener
Dreieck Stau: 16 Kilometer nach einem
Unfall. Rainer und seine
Freundin stöhnen. Nach einer halben Stunde Stop and go fährt
Rainer an einer Raststätte auf die Landstraße. Kleine Wassertropfen
auf den Scheiben kündigen die große Flut an, die bald darauf
losbricht. Ein wenig Weltuntergangsstimmung, und auch Sylt scheint endlos
weit entfernt. Rainer ist ein Multitalent, er kann trotz starken Regens
die Karte lesen und nebenher Auto fahren, freihändig natürlich.
Seltsam, dass mir nicht mulmiger ist. Beim Trampen hat man so ein Alles-wird-gut-Gefühl.
Wir fahren durch Orte, die Lumba, Stangen, Merlau und Elpenrod heißen.
Die Frau, gelernte Apothekerin, erzählt, wie sie an der Uni für
Tierversuche Insekten fangen und Frösche sezieren musste. "Dabei bin
ich doch ganz arg für den Tierschutz." Inzwischen hat es aufgehört
zu regnen, und auch der Stau ist vorbei, als wir wieder auf die Autobahn
fahren. Am Kirchheimer Dreieck bei Bad Hersfeld lassen uns die beiden an
einer kleinen Raststätte raus. Jetzt sind wir an der A7, unserer Hauptautobahn.
Auf der Karte haben wir es schon zwei Knicks nach oben geschafft. Es ist
13 Uhr, aber wir verzichten noch auf ein Mittagessen, unsere Strandsehnsucht
ist zu groß.
"Guten Tag. Können Sie
uns vielleicht ein Stück nach Norden mitnehmen?" Die Antworten unterscheiden
sich zwar, aber meinen doch alle das gleiche. "Ich würde euch ja mitnehmen,
aber ich fahr" gleich die nächste Ausfahrt raus." "Das machen wir
grundsätzlich nicht. Man hört ja so viel." "Das ist ein Geschäftswagen,
da darf ich wegen der Versicherung niemanden mitnehmen. Sonst gern." "Nein,
sehen Sie, da hinten sind die Koffer." Alle sind freundlich. "So einen
wie dich nehm" ich nicht mit" oder "Ich hab" keine Lust, dass ihr mir mein
Auto dreckig macht", sagt niemand. Dann lieber eine Ausrede. Nach einer halben Stunde
taucht Markus auf, e
in
großer Junge mit wuscheligen Haaren und einem breiten Lachen. Aus
seinem Rucksack ragen drei bunte Jonglier-Kegel heraus. Während des
ganzen Tages ist er der einzige Tramper, den wir treffen. Markus kommt
gerade aus Leipzig und will nach Kiel. Also auch A7. Er stellt sich mitten
auf die Ausfahrt an der Tankstelle und versucht mit bittenden Gesten, den
Vorbeifahrenden ein schlechtes Gewissen zu machen. Wir verziehen uns wieder
Richtung Rasthof in den "Nahkampf". Nach eineinhalb Stunden und endlosen
Wanderungen über den verdammten Rasthof ist uns jede Lust am Trampen
vergangen. Markus ist vor uns weggekommen. Er winkt aus einem dicken Mercedes-Kombi.
Mehr aus Spaß spreche ich einen älteren Herrn an, der gerade
in seinen Audi A8 steigen möchte. "Ich biege gleich nach Dortmund
ab." Okay, Standardantwort, alles klar. "Aber ich kann euch zum nächsten
Rasthof mitnehmen." Kaum zu glauben, der will
uns tatsächlich auf seine hellen Ledersitze lassen. Das Auto ist gigantisch,
endlos Platz für die Füße. Fährt nicht der Kanzler
das gleiche Auto? Unser Fahrer erzählt, er sei Arzt in Dortmund und
komme von einem Kongress. Mitgenommen hat er uns, weil er selbst viel getrampt
ist als Jugendlicher. Das war so Mitte der fünfziger Jahre. Ja, Freiheit
sei das für ihn schon gewesen. "Aber wenn man älter wird, schätzt
man ein gewisses Maß an Komfort." Plötzlich fängt es wieder
an zu regnen. Der Regensensor schaltet die Scheibenwischer ein. Lauter
rote Bremslichter, man sieht kaum fünfzig Meter weit. Ein Schild weist
auf die Raststätte "Hasselberg" hin. Schade, wir müssen schon
aussteigen.
An der Tankstelle treffen
wir Markus wieder. Auch er ist nicht weiter gekommen. Wir stehen unter
dem Dach zum Restauranteingang. Ein großer Mann im Anzug kommt auf
uns zu. Er sieht aus wie der Restaurant-Chef, der uns freundlich darauf
hinweisen möchte, dass wir doch bitte nicht vor dem Eingang rumlungern
sollen. "Ihr wollt Richtung Norden?", fragt er. "An der Bar sitzt ein Busfahrer,
fragt mal den." Der Fahrer heißt Ali und fährt jeden Tag im
Linienverkehr für die Deutsche Touring von Frankfurt zur Expo und
zurück. Ja, klar kann er uns mitnehmen. Bisher ist sein Bus leer,
niemand will heute zur Expo. Wir sitzen hinter Ali. Die Unterhaltung ist
anstrengend, weil man sich immer nach vorne beugen muss. Und Ali erzählt
viel.
1983 ist
er aus der Türkei nach Deutschland gekommen, und seitdem verbringt
er viel Zeit auf der Autobahn. Zuerst als LKW-Fahrer und seit drei Jahren
im Bus. Sein Thema Nummer eins ist der Verkehr. Über schlechte Autofahrer
regt er sich auf. "Der fährt ja wie der letzte Idiot." Wenn er jedoch
nach dem Überholen sieht, dass eine Frau am Steuer sitzt, entschuldigt
er sich. Vor Hannover fragt uns Ali: "Wollt ihr nicht doch lieber zur Expo?"
Nein, nicht heute. Es ist schon 16.30 Uhr, und unsere Mägen fordern
endlich ein Mittagessen. Es gibt Schnitzel mit kalten Pommes. Die Pause
tut gut. Sich ständig zu unterhalten, ist ganz schön anstrengend.
Nach dem Essen müssen wir wieder über eine Stunde warten, aber
das ist inzwischen Routine. Ein gemütlich aussehender Mann aus Landshut
lässt uns einsteigen. Obwohl er Biodiesel tankt, jagt er seinen Golf
mit 180 über die linke Spur. An den halben Tachoabstand aus Fahrschulzeiten
erinnert er sich offenbar auch nicht mehr, aber wenigstens kommen wir gut
voran. Kurz vor 19 Uhr lässt er uns auf dem letzten Rasthof vor Hamburg
raus.
Der Rasthof "Seevetal" erweist
sich als verlassenes Stück Land. In dem kleinen Restaurant sitzen
nur dänische Großfamilien, deren Autos vollgepackt sind bis
unter die Decke. Bye bye, Sylt, so viel ist klar. Wenn wir überhaupt
wegkommen, schaffen wir es vielleicht noch in ein Motel. Es ist still hier.
Bis plötzlich etwas sehr
unwahrscheinliches
passiert: Wir treffen Stefan, Anfang dreißig, der seine Tochter in
Dagebüll besuchen möchte. Dagebüll ist der Nachbarort von
Niebüll, und in Niebüll muss sowieso jeder, der nach Sylt möchte,
in den Zug umsteigen. Ist das nun besonderes Glück, oder passiert
sowas immer beim Trampen? Stefan hat bisher noch nie jemanden mitgenommen.
"Bisher hat auch noch keiner gefragt." Gleich nach Hamburg wird das Land
flach und weit. Die Sonne kommt langsam, aber immer kräftiger durch
die Wolken und taucht die Natur in ein wunderbares Licht. Neben der Autobahn
grasen schwarz-weiße Kühe. Wir fahren über den Nord-Ostseekanal.
Eigentlich schade, dass wir jetzt schon fast da sind. Trotz schmerzender
Füße und Müdigkeit vom vielen Reden, hätte ich Lust,
weiter zu trampen. Hinter Husum ist die Autobahn zu Ende, Kurven gibt es
schon lange keine mehr. Es dauert nicht mehr lange, bis wir in Dagebüll
sind. Wir fahren über einen Deich, und zum ersten Mal kann man das
Meer sehen. Rote Strahlen der untergehenden Sonne beleuchten die kleinen
Wellen. Im Süden ist es jetzt schon dunkel.
Die letzte Etappe beginnt,
mit dem Linienbus nach Niebüll und dann weiter mit dem Zug nach Sylt.
Nach einer halben Stunde Fahrt sind wir in Westerland. Zum Meer sind es
nur noch zehn Minuten zu Fuß. Das Kassenhäuschen am Deich für
die Kurtaxe ist unbesetzt. Über zwei Treppen geht es hinunter an den
Strand. Meine Schuhe sinken ein. Gibt es einen Ort, an dem der Sand heller
und weicher ist? Vorbei an Mädchen mit weißen Hosen, die Dosenbier
in der Hand haben, laufen wir auf die Wellen zu. Dort, wo der Sand durch
die Nässe des Wassers fest wird, steigt uns Salzgeruch in die Nase.
Es ist immer noch nicht ganz dunkel. In der Ferne blinkt ein Leuchtturm,
Richtung Süden sind die Dünenberge zu erkennen. Tiefe Zufriedenheit.
Das muss es sein, das Tramp-Gefühl. Man müsste es jetzt festhalten
können, das geht nicht, klar. Aber man kann es ja wieder tun.