Artikel im "Jetzt" Magazin der Süddeutschen Zeitung

Bei mir klingelte in Vallendar eines Tages das Handy. Henning Kober war dran, und erzählte mir, daß er für das "Jetzt"-Magazin der Süddeutschen Zeitung einen Artikel übers Trampen schreiben wollte. Er wollte von Frankfurt nach Sylt trampen, hatte im Netz meine Seiten gesehen, und fragte mich nun nach ein paar Tips. Ich hab ihm ein paar Sachen erzählt, und er hat's probiert - hier ist sein Klasse-Artikel. Hab mich natürlich besonders über die unterstrichenen Zeilen gefreut...:-) Wenn Du Henning kontaktieren willst, schreib einfach an mailheko@gmx.de, und den Artikel gab es auch auf den "Jetzt"-Seiten.


Fahrvergnügen:

Na, wohin soll´s gehen?

Der Daumen, der nach oben deutet, ist an deutschen Straßen ein seltener Anblick geworden. Manche Autofahrer wissen gar nicht mehr, was er bedeutet. Mitfahrzentralen, Bahncards und Wochenend-Tickets haben das Trampen verdrängt. Diese Art zu reisen scheint der Vergangenheit anzugehören. Macht es das nicht noch romantischer? Unser Autor wollte sich auf einem Trip von Frankfurt nach Sylt vom Tramp-Gefühl anstecken lassen.

Text: Henning Kober Photo: Dominik Asbach


Ganz dunkel erinnern wir uns. Es war irgendwann in der Zeit, in der wir die ersten Garagenpartys feierten. "Ruf uns bitte an, wir holen dich dann ab. Nicht trampen, hörst du", hatte die Mutter gesagt. Wir haben damals auf sie gehört und sind eigentlich bis heute nie getrampt. Warum auch? Es ist 9 Uhr morgens, und die Wolken am Himmel sehen nach Regen aus. Unser Pappschild, auf dem mit schwarzem Edding "A5 Norden" geschrieben steht, erregt die Aufmerksamkeit der wenigen Autofahrer, die am Frankfurter Hauptbahnhof vorbeifahren. Schade, dass fast alle ein Frankfurter Kennzeichen haben. Langsam laufen wir dem Autobahnzeichen auf einem großen Verkehrsschild entgegen. Wir gehen vorbei und zum nächsten Schild und weiter und weiter, immer noch hält kein Auto. Schon jetzt ist der Rucksack ziemlich schwer. Zusammen mit dem Fotografen Dominik bin ich auf der Suche nach einem mysteriösen Gefühl, das etwas mit Abenteuer zu tun haben könnte. Und weil der Mensch ja anscheinend nur Erfolg hat, wenn er sich Ziele steckt, wollen wir an einem Tag von Frankfurt aus nach Sylt trampen. Am Meer war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Auf der Internetseite eines erfahrenen Trampers hatten wir uns zuvor über die wichtigsten Regeln informiert: "Geduld haben. Manchmal musst du halt "ne Weile fragen, aber du kommst immer weg." Und ganz wichtig: "Freundlich und sauber sein." Wenn"s weiter nichts ist. Auf einmal hält ein altes graues Auto. Tommy und Melissa sagen, sie wollen eigentlich nur zu einem Baumarkt im Norden Frankfurts, aber egal: Hauptsache, wir kommen hier weg. Tommy ist 19 und braun gebrannt. Seine Freundin Melissa strahlt über das ganze Gesicht. Sie ist hübsch. Die beiden sind in Südamerika groß geworden, und weil der Motor ihres alten Autos laut ist und Tommy nicht so gut Deutsch spricht, kann man nicht alles verstehen. Es dauert eine Weile, bis mir klar wird, dass Tommy gerade dabei ist, nur wegen uns fast fünfzig Kilometer über die Autobahn zum ersten Rasthof zu fahren. Warum er das macht? Vielleicht, weil er selbst schon viel getrampt ist. Von Budapest nach Amsterdam zum Beispiel. Er erzählt, wie schwierig es war, zu dritt in Tschechien mitgenommen zu werden oder was für Ängste er einmal auf dem Rücksitz eines Motorrads ausgestanden hat. Rechts und links ziehen Felder und Wiesen vorbei. Alles wirkt farblos, aber ich bin aufgeregt und glücklich. Endlich on the road. "Ihr müsst die Leute direkt ansprechen", gibt uns Tommy mit auf den Weg, als wir die Raststätte "Wetterau" erreichen.

Schon nach zwanzig Minuten haben wir die Nächsten gefunden, die uns mitnehmen. Klappt ja prima. Eine Frau Anfang fünfzig und ihr deutlich jüngerer Freund lassen uns einsteigen. Der rote Automatik-Kombi ist nicht unbedingt eine Luxuskarosse. Meine Füße sind hinter dem Fahrersitz eingeklemmt, und anschnallen kann man sich auch nicht. Auf den Armaturen liegt Staub. Ein ausgebleichter Smilie-Aufkleber ermuntert zur Fröhlichkeit. Etwas mühsam beginnt die Konversation. Der Fahrer, Rainer, jagt den Opel über die linke Spur, bis ihn ein anderer Raser mit Lichthupe vertreibt. Nach dem Reiskirchener Dreieck Stau: 16 Kilometer nach einem Unfall. Rainer und seine Freundin stöhnen. Nach einer halben Stunde Stop and go fährt Rainer an einer Raststätte auf die Landstraße. Kleine Wassertropfen auf den Scheiben kündigen die große Flut an, die bald darauf losbricht. Ein wenig Weltuntergangsstimmung, und auch Sylt scheint endlos weit entfernt. Rainer ist ein Multitalent, er kann trotz starken Regens die Karte lesen und nebenher Auto fahren, freihändig natürlich. Seltsam, dass mir nicht mulmiger ist. Beim Trampen hat man so ein Alles-wird-gut-Gefühl. Wir fahren durch Orte, die Lumba, Stangen, Merlau und Elpenrod heißen. Die Frau, gelernte Apothekerin, erzählt, wie sie an der Uni für Tierversuche Insekten fangen und Frösche sezieren musste. "Dabei bin ich doch ganz arg für den Tierschutz." Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, und auch der Stau ist vorbei, als wir wieder auf die Autobahn fahren. Am Kirchheimer Dreieck bei Bad Hersfeld lassen uns die beiden an einer kleinen Raststätte raus. Jetzt sind wir an der A7, unserer Hauptautobahn. Auf der Karte haben wir es schon zwei Knicks nach oben geschafft. Es ist 13 Uhr, aber wir verzichten noch auf ein Mittagessen, unsere Strandsehnsucht ist zu groß.

"Guten Tag. Können Sie uns vielleicht ein Stück nach Norden mitnehmen?" Die Antworten unterscheiden sich zwar, aber meinen doch alle das gleiche. "Ich würde euch ja mitnehmen, aber ich fahr" gleich die nächste Ausfahrt raus." "Das machen wir grundsätzlich nicht. Man hört ja so viel." "Das ist ein Geschäftswagen, da darf ich wegen der Versicherung niemanden mitnehmen. Sonst gern." "Nein, sehen Sie, da hinten sind die Koffer." Alle sind freundlich. "So einen wie dich nehm" ich nicht mit" oder "Ich hab" keine Lust, dass ihr mir mein Auto dreckig macht", sagt niemand. Dann lieber eine Ausrede. Nach einer halben Stunde taucht Markus auf, ein großer Junge mit wuscheligen Haaren und einem breiten Lachen. Aus seinem Rucksack ragen drei bunte Jonglier-Kegel heraus. Während des ganzen Tages ist er der einzige Tramper, den wir treffen. Markus kommt gerade aus Leipzig und will nach Kiel. Also auch A7. Er stellt sich mitten auf die Ausfahrt an der Tankstelle und versucht mit bittenden Gesten, den Vorbeifahrenden ein schlechtes Gewissen zu machen. Wir verziehen uns wieder Richtung Rasthof in den "Nahkampf". Nach eineinhalb Stunden und endlosen Wanderungen über den verdammten Rasthof ist uns jede Lust am Trampen vergangen. Markus ist vor uns weggekommen. Er winkt aus einem dicken Mercedes-Kombi. Mehr aus Spaß spreche ich einen älteren Herrn an, der gerade in seinen Audi A8 steigen möchte. "Ich biege gleich nach Dortmund ab." Okay, Standardantwort, alles klar. "Aber ich kann euch zum nächsten Rasthof mitnehmen." Kaum zu glauben, der will uns tatsächlich auf seine hellen Ledersitze lassen. Das Auto ist gigantisch, endlos Platz für die Füße. Fährt nicht der Kanzler das gleiche Auto? Unser Fahrer erzählt, er sei Arzt in Dortmund und komme von einem Kongress. Mitgenommen hat er uns, weil er selbst viel getrampt ist als Jugendlicher. Das war so Mitte der fünfziger Jahre. Ja, Freiheit sei das für ihn schon gewesen. "Aber wenn man älter wird, schätzt man ein gewisses Maß an Komfort." Plötzlich fängt es wieder an zu regnen. Der Regensensor schaltet die Scheibenwischer ein. Lauter rote Bremslichter, man sieht kaum fünfzig Meter weit. Ein Schild weist auf die Raststätte "Hasselberg" hin. Schade, wir müssen schon aussteigen.

An der Tankstelle treffen wir Markus wieder. Auch er ist nicht weiter gekommen. Wir stehen unter dem Dach zum Restauranteingang. Ein großer Mann im Anzug kommt auf uns zu. Er sieht aus wie der Restaurant-Chef, der uns freundlich darauf hinweisen möchte, dass wir doch bitte nicht vor dem Eingang rumlungern sollen. "Ihr wollt Richtung Norden?", fragt er. "An der Bar sitzt ein Busfahrer, fragt mal den." Der Fahrer heißt Ali und fährt jeden Tag im Linienverkehr für die Deutsche Touring von Frankfurt zur Expo und zurück. Ja, klar kann er uns mitnehmen. Bisher ist sein Bus leer, niemand will heute zur Expo. Wir sitzen hinter Ali. Die Unterhaltung ist anstrengend, weil man sich immer nach vorne beugen muss. Und Ali erzählt viel. 1983 ist er aus der Türkei nach Deutschland gekommen, und seitdem verbringt er viel Zeit auf der Autobahn. Zuerst als LKW-Fahrer und seit drei Jahren im Bus. Sein Thema Nummer eins ist der Verkehr. Über schlechte Autofahrer regt er sich auf. "Der fährt ja wie der letzte Idiot." Wenn er jedoch nach dem Überholen sieht, dass eine Frau am Steuer sitzt, entschuldigt er sich. Vor Hannover fragt uns Ali: "Wollt ihr nicht doch lieber zur Expo?" Nein, nicht heute. Es ist schon 16.30 Uhr, und unsere Mägen fordern endlich ein Mittagessen. Es gibt Schnitzel mit kalten Pommes. Die Pause tut gut. Sich ständig zu unterhalten, ist ganz schön anstrengend. Nach dem Essen müssen wir wieder über eine Stunde warten, aber das ist inzwischen Routine. Ein gemütlich aussehender Mann aus Landshut lässt uns einsteigen. Obwohl er Biodiesel tankt, jagt er seinen Golf mit 180 über die linke Spur. An den halben Tachoabstand aus Fahrschulzeiten erinnert er sich offenbar auch nicht mehr, aber wenigstens kommen wir gut voran. Kurz vor 19 Uhr lässt er uns auf dem letzten Rasthof vor Hamburg raus.

Der Rasthof "Seevetal" erweist sich als verlassenes Stück Land. In dem kleinen Restaurant sitzen nur dänische Großfamilien, deren Autos vollgepackt sind bis unter die Decke. Bye bye, Sylt, so viel ist klar. Wenn wir überhaupt wegkommen, schaffen wir es vielleicht noch in ein Motel. Es ist still hier. Bis plötzlich etwas sehr unwahrscheinliches passiert: Wir treffen Stefan, Anfang dreißig, der seine Tochter in Dagebüll besuchen möchte. Dagebüll ist der Nachbarort von Niebüll, und in Niebüll muss sowieso jeder, der nach Sylt möchte, in den Zug umsteigen. Ist das nun besonderes Glück, oder passiert sowas immer beim Trampen? Stefan hat bisher noch nie jemanden mitgenommen. "Bisher hat auch noch keiner gefragt." Gleich nach Hamburg wird das Land flach und weit. Die Sonne kommt langsam, aber immer kräftiger durch die Wolken und taucht die Natur in ein wunderbares Licht. Neben der Autobahn grasen schwarz-weiße Kühe. Wir fahren über den Nord-Ostseekanal. Eigentlich schade, dass wir jetzt schon fast da sind. Trotz schmerzender Füße und Müdigkeit vom vielen Reden, hätte ich Lust, weiter zu trampen. Hinter Husum ist die Autobahn zu Ende, Kurven gibt es schon lange keine mehr. Es dauert nicht mehr lange, bis wir in Dagebüll sind. Wir fahren über einen Deich, und zum ersten Mal kann man das Meer sehen. Rote Strahlen der untergehenden Sonne beleuchten die kleinen Wellen. Im Süden ist es jetzt schon dunkel.

Die letzte Etappe beginnt, mit dem Linienbus nach Niebüll und dann weiter mit dem Zug nach Sylt. Nach einer halben Stunde Fahrt sind wir in Westerland. Zum Meer sind es nur noch zehn Minuten zu Fuß. Das Kassenhäuschen am Deich für die Kurtaxe ist unbesetzt. Über zwei Treppen geht es hinunter an den Strand. Meine Schuhe sinken ein. Gibt es einen Ort, an dem der Sand heller und weicher ist? Vorbei an Mädchen mit weißen Hosen, die Dosenbier in der Hand haben, laufen wir auf die Wellen zu. Dort, wo der Sand durch die Nässe des Wassers fest wird, steigt uns Salzgeruch in die Nase. Es ist immer noch nicht ganz dunkel. In der Ferne blinkt ein Leuchtturm, Richtung Süden sind die Dünenberge zu erkennen. Tiefe Zufriedenheit. Das muss es sein, das Tramp-Gefühl. Man müsste es jetzt festhalten können, das geht nicht, klar. Aber man kann es ja wieder tun.


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