Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Wieder war ein Journalist auf meine Tramperseiten gestossen. Und wieder von der Süddeutschen Zeitung. Diesmal wollte Tim Rotter einen Artikel für den Reiseteil schreiben. Ich gab ihm ein langes Interview am Telefon und staunte nicht schlecht, als der Artikel wie angekündigt direkt nach meinem Geburtstag erschien, und er tatsächlich einen Grossteil der Sachen die ich ihm erzählt hatte verbraten hatte. Allerdings hat er einige Zitate stark gestrafft - es stimmt also nicht alles hundertprozentig, was hier steht...


Tramper aller Länder, vereinigt euch!
Weil Abi und Auto heute zusammen fallen, verschwinden die erhobenen Daumen vom Seitenstreifen


Veit Kühne gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Lieblingsbeschäftigung spricht. „Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das mich auf die Straße zieht.“ Der 24-Jährige aus Herzberg im Harz stellte sich vor sechs Jahren zum ersten Mal mit erhobenem Daumen an die Autobahn und ist seitdem begeisterter Tramper. Veit Kühnes Traum ist es, mit Rucksack und Zelt per Anhalter nach Indonesien zu reisen. Was Kühne begeistert, findet jedoch in Deutschland immer weniger Anhänger. Denn getrampt wird heute kaum noch.

Die Gründe dafür seien klar, sagt Filmemacher Andres Veiel, der in seinem Dokumentarfilm „Die Überlebenden“ auch über das Trampen nachdenkt: „Unsere Gesellschaft ist geprägt von Effizienzdenken. Heute hat keiner mehr Zeit zum Trampen.“ Das Nichtvorhersehbare war der Reiz, der Trampen in den 70er Jahren zum Volkssport machte. Trampen gehörte zum Lebensgefühl, genauso wie Flower Power oder der Kampf gegen den Kapitalismus. „Es war auch ein Zeichen der Verweigerung“, erklärt Veiel, der selbst viel getrampt ist. „Wir haben uns damit gegen den Fetisch Auto als Sinnbild des Wirtschaftswunders gewehrt. Mitgenommen zu werden war okay, aber wer einen eigenen Wagen hatte, galt als Spießer.“

In den 80ern war es aus mit dem gesellschaftskritischen Denken, und damit sanken auch die Tramperzahlen. Selbst der Regisseur würde sich heute nicht mehr mit erhobenem Daumen an die Autobahnausfahrt stellen. „Nicht, weil ich mich dafür zu alt fühlte. Ich könnte es mir einfach zeitlich nicht mehr leisten.“

Der Zeitfaktor zählt für Veit Kühne nicht. Dabei ist der BWL-Student kein Alternativer, keiner, der den 70ern nachtrauert. „Es gibt handfeste Gründe, warum Trampen sinnvoll ist“, sagt er: Vor allem ist es billig. Veit kennt die Finessen des richtigen Trampens: Er steht fast nie an der Straße, sondern sucht sich seine Mitfahrgelegenheiten selbst aus. Sein Geheimtipp sind Autobahnrasthöfe: „Im persönlichen Gespräch ist es viel leichter, jemanden zu finden, der einen mitnimmt. Denn die Autofahrer halten ja meist nur deshalb nicht an, weil sie nicht wissen, was da für ein Typ an der Straße wartet.“ Aus eigener Erfahrung hat sich Veit einen kleinen „Tramper-Knigge“ gebastelt: Man muss gepflegt aussehen, höflich sein und darf nicht mit Bergen von Gepäck herumlaufen.

Und so spaßig es auch zu mehreren sein mag: Nie sollten mehr als zwei Leute gemeinsam trampen. „Sonst wird man von niemandem mitgenommen“, hat Kühne festgestellt. „Zu zweit ist es aber gut, dann kann der eine erzählen und der andere schlafen.“ Außerdem hat es einen anderen Vorteil: Zu zweit ist es sicherer als allein. Das gilt auch für das Trampen vom Rasthof aus. Auch wenn die Angst vor dem Mörder oder Vergewaltiger in den meisten Fällen nicht berechtigt ist, zeugen doch regelmäßig Schlagzeilen von derartigen Vorfällen. Daher warnen Polizei und Jugendschutz vor allem Mädchen und Frauen, allein zu trampen. „Ein fremdes Auto ist eine Falle. Sie sind hochgradig gefährdet und Freiwild für jeden“, steht im Internet unter www.selbstschutz-fibel.de.

Kühne kann das als Mann gelassen sehen: Die größte Gefahr beim Trampen sei ein Autounfall. Er selbst hat noch nie schlechte Erfahrungen als Beifahrer gemacht, sondern nur sehr viel interessante Menschen kennen gelernt. „Das ist der Kick: Erst rast du mit einem Topmanager im Porsche mit 220 Sachen über die Autobahn, und dann nimmt dich ein marokkanischer LKW-Fahrer mit, wo du auf der Ladefläche zwischen den Eierkartons sitzt.“ Es ist wie ein ständiges Spiel mit dem Zufall, bei dem man ganz spontan in anderer Leute Biografien eintaucht.

Das organisierte Abenteuer

Kühnes größtes Abenteuer war ein Trip durch Lateinamerika – ein Jahr lang mit Rucksack, Zelt und einem Rückflugticket von Mexiko nach Deutschland. „Das war teilweise richtig hart, dagegen ist Deutschland das reinste Paradies zum Trampen“, sagt er. Er startete in Uruguay, reiste bis in die südlichste Stadt der Welt am Südzipfel Argentiniens und schlug sich von dort aus nach Mexiko durch. Meist zeltete er irgendwo in der Landschaft, aber einmal kam er auch richtig nobel unter. „Ein Mann hat mich genau vor der Villa von Wolfgang Weber rausgelassen.“ Weber, ehemaliger Südmilch-Chef, war 1993 nach Paraguay geflohen, weil ihn die Behörden wegen Steuerhinterziehung jagten. Zu Kühne war er großzügig und ließ ihn in seinem Anwesen übernachten.

Dennoch ist Kühnes bleibender Eindruck der des Elends, das er überall sah. „Am schlimmsten war die Silvesternacht. Da habe ich in Nicaragua auf einem Schrottplatz mitten in den Slums gecampt, weil es keine Gelegenheit gab, weiterzufahren.“

Selbst in der Sparte Abenteuerurlaub hat das Trampen seine Vorrangstellung inzwischen verloren: Seit Dschungel-Touren, Wanderungen durch die Wüste oder Überlebenstraining im Himalaja von Veranstaltern angeboten werden, ist das Abenteuer organisiert. Dabei braucht keiner mehr das Auto eines Einheimischen, um voranzukommen. Genauso wenig wie daheim: „In meinem Abiturjahrgang hatte nur einer ein Auto“, erinnert sich Andres Veiel. Heute dagegen bekommen die meisten ihren ersten Wagen spätestens zum bestandenen Abi. Der eigene Wagen ist zum Gebrauchsgegenstand geworden.

Veit Kühne bleibt trotzdem Tramper aus Überzeugung und würde sich nie ein Auto kaufen. „Es ist einfach eine Lebenseinstellung. Das kann ich nicht einfach sein lassen.“ Daher möchte er jetzt sogar eine „Interessen-Gemeinschaft-Trampen“ gründen – gewissermaßen als Aufruf zum letzten Aufstehen einer aussterbenden Art: „Letzte Tramper aller Länder, vereinigt euch!“

Tim Rotter



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