Artikel in der tageszeitung (taz)

Im Sommer 2000 meldete sich Björn Kern bei mir. Er wollte einen Artikel übers Trampen für die taz schreiben, und war bei seiner Recherche auf meine Seiten gestoßen. Er hat sie auch in seinem Artikel zitiert (unterstrichen). Sein Artikel ist mir viel zu pessimistisch, scheint wirklich nicht mit den richtigen Leuten geredet zu haben. Deutschland ist auf jeden Fall ein Super-Land zum Trampen, es geht schnell, sicher, und man trifft unheimlich viele interessante Leute. Aber naja, wenn Du Dich auf meinen Seiten ein wenig umgesehen hast, dann weißt Du das ja schon.

Kein Daumen im Wind, nirgends

Nur noch selten steht heute ein Tramper am Straßenrand. Und wenn doch einer an der Autobahnauffahrt wartet, dann schaut womöglich ein Kind aus einem vorbeifahrenden Wagen und wundert sich, was der wohl will. Vater schweigt. "Das ist einer, der kein Geld hat", sagt Mutter. Ein Essay zum Abschied von einer literarisch beglaubigten Reiseform nebst einiger Portraits, eingefangen in Berlin-Dreilinden

von BJÖRN KERN (22, Hospitant im taz.mag, studiert in Tübingen und Aix-en-Provence Literatur und Romanistik.  Im kommenden Jahr erscheint sein erster Roman bei Hanser/dtv. Dreimal hat er selbst den Daumen ausgestreckt, vorwiegend in der Provence. Jack Kerouacs schon in den Fünfzigerjahren verfasster Roman "Unterwegs" (Rowohlt, Reinbek 2000, 380 Seiten, 16,90 Mark) inspirierte ihn zu dieser Geschichte über das Trampen); taz Magazin Nr. 6235 vom 2.9.2000 Seite I


Lohnt es sich überhaupt zu trauern? Steht halt keiner mehr an den Straßen, um gratis mitgenommen zu werden. Nicht an Autobahnauffahrten, nicht an Raststättentankstellen.

Jeder hat sein eigenes Problem mit dem unverhofften Tod dieser Art von Verkehrsteilnehmern. Die Bilderpresse kann nicht mehr auf dauervergewaltigende Mitfahrer hetzen, und Erziehungsberechtigte haben nachts eine Sorge weniger. Am katastrophalsten jedoch sind die Auswirkungen auf die Nachgeborenen. Denn die müssen heute dauernd das Funkeln in den Augen ertragen, wenn die Tramper von einst ins Erzählen kommen.

Dann laufen sie so richtig warm. Ja, ich weiß noch, wie du 75 im Blümchenkleid an der Ausfahrt standest, obwohl du auch mit dem Rad in die Disko hättest fahren können. Der Typ, der an deinen Knien herumgefummelt hat und dem Lkw nicht mehr ausweichen konnte. Wie ihr im Gebüsch gelandet seid und du einfach davongerannt bist.

Oder die hier, ja, ich weiß schon, im Sommer 77. Die wilde Zeit wurde schon ein wenig bleiern, aber du wartetest immer noch auf den Straßen herum. Und nachdem du von Hamburg bis München mit diesem Typen geredet hattest, bist du sogar Buddha begegnet, so im übertragenen Sinne natürlich, mitten im Gespräch. Du machtest das Trampen zur Pilgerreise und tramptest zu dir selbst. Wow!

Die Siebzigerjahre nerven prächtig mit ihrem zelebrierten Kultgefunkel. Nichts, was sich nicht ideologisch überhöhen ließe, selbst Armut wird zur Tugend. Da fasziniert vor allem eines: Es kann damals keine armen Leute gegeben haben! Denn nicht etwa aus Not machten sich die Hippies von gestern und Eltern von heute ans Trampen. Klar, jeder hätte sich spielend eine ganze Flotte eigener Wagen leisten können - stattdessen wollten sie lieber eine eigene Weltanschauung. Und mit der fuhren sie noch viel besser.

Wers glaubt, ist selber schuld. Die Tramper waren in Wirklichkeit perfekte Marketingstrategen. Die Existenzialisten des Straßenverkehrs, sozusagen. Die echten aus den Fünfzigerjahren zogen schwarze Rollis an und sagten, das sei ihre Religion - dabei waren die Rollis nur billig und sahen nicht so schnell schmutzig aus. Die späteren Exis, die heutigen Eltern, fuhren in die weite Welt, mal mit, mal ohne Ziel, und fanden das wunderbar - dabei hatten sie nur kein Geld für den Zug.

So erfolgreich waren die beim Kultschaffen, dass das Wort Trampen auch heute noch nach Jointstummeln riecht, die auf Rastalocken ausgedrückt wurden - selbst wenn die älter gewordenen Tramper längst im Sakko dastehen. Tausende von Jungen und Junggebliebenen rauchten am Straßenrand, quatschten und formten nebenher, was es heute nicht mehr gibt. Und vielleicht nie gab: die Tramperkultur.

Was das sein soll, weiß heute nur noch, wer damals schon dabei war. Gemessen an der Zahl der Abenteuergeschichten, die darüber kursieren, muss es jedenfalls eine grandiose Zeit gewesen sein. Zauberwörter wie Marihuana, Sex und Freiheit geistern da herum. Tramper waren ständig auf der Suche nach einem intensiven, lustbetonten Leben, jenseits von Konsum und Selbstgenügsamkeit der Nachkriegszeit.

Bereits Ende der Fünfzigerjahre hatte Jack Kerouac den Hippies eine steile Startvorlage in Sachen Tramperkultur geliefert: Sein Buch mit dem programmatischen Titel "On the road" mauserte sich binnen Kürze zu der Lektüre einer ganzen Generation. Die damals noch jungen Herrschaften verschlangen gierig die Erzählungen von Sal Paradise und Dean Moriarty und fühlten sich endlich verstanden: wenn Kerouac von kicks schrieb, mystischen Momenten der Ekstase, und von diggins, dem spontanen Verstehen eines anderen.

Nicht das Statussymbol, sondern der Mensch stand endlich im Mittelpunkt, das hat ihnen gefallen, damals. "Der" Tramper war offen für neue Kontakte, neugierig auf andere und suchte das Abenteuer. Er wagte etwas, probierte die Welt aus - und so nebenbei auch sich selbst. Gesprächspartner war, wen das Schicksal präsentierte: Arme und Reiche, Gammler und Verrückte, Begehrenswerte und Unangenehme.

Wie romantisch? Wenn sich einer den Lift vor der Nase wegschnappen ließ, grüßte er nur freundlich und machte sichs auf seinem Meditationsteppich bequem. Ohne Zorn natürlich, ganz solidarisch und fern allen Konkurrenzdenkens - kein Daumen mutierte da zum Mittelfinger.

Wer sich heute noch an die Straße stellt, ist wenigstens ehrlich. Sagt, dass er umsonst von da nach dort kommen will. Denn kein Geld zu haben ist verdammt ärgerlich, aber wirklich kein Grund, daraus eine Religion zu machen. Leider spielen die Dinosaurier der Siebzigerjahre nicht mit. Denn vor lauter Angeberei über ihre alten Zeiten vergessen sie allzu leicht, selbst mal jemanden mitzunehmen. Und die spärlichen neuen Tramper stehen sich die Beine in den Bauch. Dabei hatte Kerouac so schön gesagt: "Was für eine Straße ist die deine, Mann? - Die des Heiligen, des Wahnsinnnigen, des Regenbogens, des Guppy, irgendeine. Ist sowieso eine einzige Straße für jeden, überallhin."

Heute führt die Straße längst nicht mehr überallhin. Nur noch fürs Ziel machen sich die Herrschaften auf den Weg: zum Arbeitsplatz, zum Eigenheim, zum Sportverein. Anhalter sind da plötzlich nervende Vielquassler. Und so stehen die Tramper immer noch . . .

Wo "Goldene Tramperregeln" im Internet vor allem "Sauberkeit" zum Muss des Trampers küren, gibt es heute eben nur noch "Trampen light": bei den Mitfahrzentralen. Trampen als Kaffeefahrt sozusagen. Die Goldgräberstimmung der Siebziger ist passé.

Wer am Ball bleiben will, muss sich schon was Zeitgemäßes ausdenken: In Berlin etwa wartet die "Mitfahrt 2000" mit einem ganz neuen Konzept auf. Die Telefonnummer des Fahrers bleibt hier geheim, und 24 Stunden vor Fahrtbeginn wird ein Deal nach den "Allgemeinen Geschäftsbedingungen" verbindlich. Zuverlässigkeit, Sicherheit, Planbarkeit: Schon diese Stichworte machen deutlich, dass vom Abenteuer eines blind dates heute keiner mehr etwas wissen will.

Ist auch gar nicht schade drum. Wichtig ist im Grunde doch nur, dass Lifestyle-Yuppies das Mitfahren nicht generell ins Lächerliche ziehen und als gestrig abstempeln. Nur weil sie sich die besseren Autos leisten können. Wie und wo mitgefahren wird, ist nämlich völlig egal. Aber dass mitgefahren wird, ist heute wichtiger denn je. Bei übels- ten Luftqualitäten in den Großstädten und einem drohendem Verkehrsinfarkt ist eben nur ein stehendes Auto ein gutes Auto. Und mit jedem Tramper mehr bleibt auch ein Auto mehr in der Garage.

Fridolin Richter: Nürnberg war bitter
Theater möcht ich mir in München anschauen. Zur Zeit verdiene ich schon mein erstes Geld: Neben der Schauspielschule arbeite ich ein bisschen beim Film. Zur Not könnte ich auch den Zug bezahlen. Aber ich sehs einfach nicht ein! 150 Mark! Hab keinen Bock, das zu bezahlen. Da geb ich das Geld dann lieber dort aus, wo ich hinfahre.

Die letzten Male habe ich ne halbe Stunde gewartet. Zurück war bitter, da stand ich in Nürnberg mal zehn Stunden. Und die ganze Zeit dachte ich, jeden Moment nimmt mich jemand mit: Sing ich noch ein schönes Lied. Die Fahrer haben natürlich mitgekriegt, dass es jetzt schärfere Gesetze gegen Tramper gibt, Halten auf dem Standstreifen kostet zwanzig Mark und so.

Es halten viel weniger an, als noch vor zwei Jahren. Letztens bin ich aber nur zehn Minuten gestanden, und schon hielt einer an. So ein Türkenpapa mit einer total kitschigen Plastikdekoration vorne in seinem Auto. Der ist die ganze Zeit 180 gefahren, bis München durch. Und ununterbrochen lief türkische Folklore. Der meinte so: Wenn du wieder in Berlin bist, schauste mal in meinem Restaurant vorbei. Das war dann eine Dönerbude, und jetzt komm ich eben mal vorbei, sag hallo und ess meinen Döner.

Klar gibt es auch Idioten auf der Straße, aber mit denen fährt man ja nicht mit. Keine Ahnung, ob ich mich zur Tramperkultur zählen kann, falls es überhaupt noch eine gibt. Wenn mir jemand sagen würde: Was bist du für n Hippie, der da rumtrampt, das ist doch total out - dann wär ich echt sauer.

Einmal bin ich von Nürnberg aus mit einem mit, der war ganz witzig. Das war eben so n richtiger Hippie - hatte mit Hanfsamen sein Geschäft gemacht und dabei das große Los gezogen. Der ist in einem Auto gefahren, das ein Höllengeld gekostet hat, und dann wollte er mir irgendwelche Tramperideologien erzählen. Albern. Dieses Zeugs aus den Siebzigern, das ist nichts, womit ich mich identifizieren würde. Diese Zeit interessiert mich absolut nicht!

Sicher trampen viele, um Leute kennenzulernen oder durchs Land zu kommen. Aber dafür nehm ich lieber das Rad. Trotzdem kann man beim Trampen Urlaub machen. Demnächst tramp ich nach Prag: Irgendwann werde ich sogar ankommen - aber was unterwegs passiert, weiß ich nicht.

Katja Bicker: Es gibt überall Idioten
Ich steh schon über eine Stunde hier an der Leitplanke, und jetzt kommt auch noch die Polizei. Verdammt! Die bleiben bestimmt ne halbe Stunde und schikanieren. Im Durchschnitt stehe ich nur dreißig Minuten. Es wollen so viele aus Berlin in den Ruhrpott, und normalerweise kriege ich immer einen Lift direkt bis Bielefeld.

Bevor ich einsteige, schau ich mir die Leute schon an - klar. Ich schlag auch mal ein Angebot aus, wenn ich ein ungutes Gefühl habe. Die Leute akzeptieren das dann auch. Nur einmal hab ich Pech gehabt. Da war ich mit nem Mann unterwegs, und der wollte am Ende dann wissen, was er jetzt kriegt fürs Mitnehmen. Dann fragt man sich, o Gott, wie weit geht der jetzt? Macht der sich nur über einen lustig?

Richtig üble Erfahrungen hatte ich aber noch nie. Eher schon bei Fahrten, die eine Mitfahrzentrale vermittelt hat. Da meinen oft solche Rasertypen, sie müssten mal zeigen, was in ihrem Auto steckt. Nach Bielefeld zahl ich inzwischen an die vierzig Mark - eine Fahrt. Da ist die Bahn bald billiger als die Mitfahrzentrale.

Wenn ich mehr Geld hätte, würd ichs mir auch gerne sparen, das Trampen. So toll ist das nicht. Sobald ich mal nen Job hab, ists dann auch gut. Hippiekultur und so - wo soll denn das noch vorhanden sein? Ich steig meistens bei irgendwelchen Geschäftsleuten ein. Die findens spannend, noch mal ne junge Frau im Auto zu haben.

Aber Hippietum ist für mich was anderes. Trampen ist doch keine Alternative zum Spießeralltag! Ich würde nie zum Spaß trampen. Dafür ist es irgendwie zu anstrengend. Man muss den Leuten immer was dafür bieten, wenn man einsteigt. Man kann sich ja nicht auf stur stellen und durch die Gegend kutschieren lassen. Die Leute erwarten ja, dass man richtig was erzählt oder wenigstens zuhört.

Kann aber immer vorkommen, dass dich deine Menschenkenntnis verlässt. Einem Kollegen von meinem Vater ist das passiert: Der hat ne Tramperin mitgenommen, die hat ihn dann angezeigt wegen Vergewaltigung. Dabei war da nichts. Es gibt überall Idioten, auf beiden Seiten.

In Holland ist Trampen überhaupt kein Thema: Da wird man sofort mitgenommen. Die bringen einen sogar mal wohin, wo sie selber gar nicht hinmüssen! Bei uns ist Trampen dagegen überhaupt nicht akzeptiert. Hier sind die Leute alle viel mehr busy und so.

Georg Schmitz: Bisschen wie Woodstock
Ende der Siebzigerjahre war ich öfter als Tramper unterwegs. Da gab es die so genannte Rotpunktbewegung: Die hatte zunächst ein politisches Anliegen, weil die Fahrpreise beim öffentlichen Nahverkehr drastisch erhöht worden waren. Die roten Punkte wurden dann an Autofahrer verteilt, die bereit waren, Tramper mitzunehmen. In Aachen und Hannover beispielsweise weiteten sich diese Aktionen zu richtigen Streiks aus. Aber auch damals war es schon sehr anstrengend zu trampen.

Es hängt eben sehr von der Tagesverfassung der Fahrer ab, wie leicht man vorankommt - damals wie heute. Nostalgisch sehe ich wirklich nicht auf die Siebzigerjahre zurück. Für mich ist und bleibt das Trampen eine Zwecksache: Man will eben von Punkt A nach B - und fertig. Klar, es war schon eine schöne Zeit damals. Aber deswegen überhöhe ich sie nicht zum Kult.

Für viele ist Trampen ja ein bisschen wie Woodstock. Die Leute kriegen leicht feuchte Augenwinkel, wenn sie davon sprechen. Manchen war dieses Leben ein Familienersatz. Zu Hause klappte es nicht mehr so recht, das war bei mir ganz ähnlich. Die Alten meckerten nur: Pass auf dich auf, und komm nicht auf die falsche Bahn. Da flüchtete man eben auf die Straße und sang revolutionäre Parolen.

Natürlich konnte man auch gut Mädchen kennen lernen beim Trampen. Das ist ein bisschen wie heute auf der Uni. Bei vier Mark, die in Berlin die Einzelfahrt bei der BVG kostet, ist heute wieder ein Limit erreicht. Aber die Leute denken gar nicht daran, so etwas wie eine Rotpunktaktion erneut zu starten. Stattdessen akzeptieren sie stillschweigend jede neue Fahrpreiserhöhung. Oder sie entladen ihre Wut an den Fahrern.

Es wäre schon zu begrüßen, wenn das Trampen wieder ein bisschen aufleben würde. Dann kämen die Autofahrer mal mit anderen Leuten zusammen. Das tut denen ganz gut. Auch aus ökologischer Sicht wäre es natürlich erfreulich.

Ist ja völlig absurd, wie die Leute heute zur Arbeit fahren, jeder allein in seinem Wagen. Da wird sich erst dann was tun, wenn der Staat Anreize schafft. Man müsste solche Fahrgemeinschaften steuerlich begünstigen. Da reicht es nicht, moralische Grundsätze zu predigen. Von hundert hören da vielleicht zwei drauf. Wenn es aber mehr Geld gibt, hören von hundert plötzlich fünfzig!

Przemyslaw Wegielek: Ich hoffe auf mein Glück
Wie soll ich ein Zugticket nach Holland bezahlen! Ich möchte so gerne nach Amsterdam. Wenn ich könnte, würde ich hinfliegen, das ist klar. Aber auf der Straße ist es auch ganz lustig. Man trifft viele Leute - aus allen Ländern. Die Sprache macht aber echte Probleme: Ich spreche kein Deutsch. Kein Wort. Na ja, ich kann "egal" sagen oder "Autobahn" - solche Wörter eben. Deutsche Autofahrer sind alle recht ähnlich: Viele von ihnen rauchen Haschisch, während sie fahren. Das macht Spaß! In Polen ist das nicht so. Ob ich später mal aufhöre mit dem Trampen, weiß ich noch nicht. Falls ich mal richtig Geld verdiene, trampe ich vielleicht trotzdem weiter. Aber wenn dann keiner anhält, nehme ich einfach den Bus oder den Zug! Wenn heute keiner hält, kann ich mir das nicht leisten. Dann schlafe ich gleich hier, hinter der Bushaltestelle. Ich plane meine Trips überhaupt nicht: Ich gehe einfach aus dem Haus, ohne Karte, und frage die Leute nach dem Weg. Und hoffe auf mein Glück.

In Polen zeigen Presse und Fernsehen immer nur die schlechten Seiten vom Trampen. Irgendwelche Überfälle, wo der Tramper den Fahrer tötet und sein Auto stiehlt. Männer werden da nicht so leicht mitgenommen. Einmal, vor vier Jahren, wollte ein Fahrer Geld von mir. Das war in Polen - schon eine dumme Sache. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nichts zahlen werde. Da wollte er mich schlagen, aber zum Glück bin ich dafür zu groß. Ich sagte ihm einfach, er soll sich verpissen und das hat er dann auch getan! Ich wollte ihm noch erklären: Wenn ich Geld hätte, müsste ich ja nicht trampen gehen. Und wenn ich nun trampen gehe, habe ich also kein Geld - das müsste doch zu verstehen sein!

Ich trampe eigentlich nur im Urlaub, um andere Länder zu sehen. In Polen nehme ich auch den Bus oder den Zug, weil die öffentlichen Verkehrsmittel dort weniger kosten. Viel weniger! Ich wohne etwa 250 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, mitten in Polen. Und für diese Strecke habe ich umgerechnet neun Mark gezahlt. Die gleiche Entfernung hier würde vielleicht sechzig Mark kosten. Ich war schon fast in ganz Europa, auch im Süden. Bis Spanien dauerte es nur drei oder vier Tage. Und dann wartete Barcelona auf mich.

Zitate: Tramper, Trotter und Traveller
"Ein Globetrotter, nicht nur der heutige, ist immer unterwegs, auch wenn er daheim ist. Zu diesem Lebensgefühl gehört die Lust aufzubrechen, der Mut Unbekanntem zu begegnen, Risiken einzugehen, das Bedürfnis nach authentischer Erfahrung, Neugier ebenso wie die Fähigkeit, das Schöne in der Welt zu entdecken."
Norbert Lüdtke, Deutsche Zentrale für Globetrotter

"Man kann sagen, dass das flexible Hantieren mit Identität die zentrale Voraussetzung für das Trampen ist. Eine Generation, die vor sich hinsummt "Ich will so bleiben, wie ich bin", hat danach kein Bedürfnis."
Florian Illies ("Generation Golf"), FAZ

"Später einmal, in fünfzehn Jahren etwa, wird das Anhalten ein Vergnügen sein. Dann werden alle die am Steuer sitzen, die jetzt vom Straßenrande aus durch Deutschland fahren. Sie werden sich ihrer Jugendwanderungen erinnern, bremsend den Schlag öffnen: ,Hinein mit Ihnen - wohin solls denn gehen?'"
Barbara Klamroth, 22. Juni 1950, "Die Zeit"

"Er fragte sie, ob denn die Fahrer, die sie mitgenommen hatten, so unangenehm gewesen seien, dass sie von einer Zumutung spreche. Sie antwortete (unbeholfen kokett), sie seien manchmal sogar sehr angenehm gewesen."
Milan Kundera: Fingierter Autostopp, in: "Das Buch der lächerlichen Liebe". Frankfurt am Main 1999, Fischer TB

"Eine so unsägliche Stelle zum Trampen erlebte ich zum erstenmal. Und das nur wegen eines neurotischen Pärchens, das behauptet hat, ich würde ,stinken'. Bei der ersten Gelegenheit haben sie mich rausgeworfen."
Jakob Arjouni: "Ein Freund". Geschichten. Zürich 1999, Diogenes

",Nach Norden?' fragte Sissy. Aber ihr wäre auch jede andere Richtung recht gewesen. ,Darauf kannst du deinen strammen Arsch wetten', meinte der Fahrer mit sardonischem Grinsen, und es war schwer auszumachen, was er mehr hatte: Saxophone im Fond oder Goldzähne im Mund. Sissy zögerte. ;Was habe ich schon zu verlieren?' - Sie stieg ein."
Tom Robbins: "Sissy. Schicksalsjahre einer Tramperin". Reinbek 1994, Rowohlt

"Wir hielten die Arme abgewinkelt vom Körper, die Daumen senkrecht. Je länger keiner anhielt, desto länger streckten wir die Arme aus, desto höher zogen wir die Röcke. Wir probierten es mit zwei Fingern oder mit einem, mit Peace oder Fuck, wenn nichts half auch mit dreien: schwören fiel uns schwer."
Alissa Walser: "Die Lust der Gans beim Gestopftwerden". In: "Die kleinere Hälfte der Welt". Reinbek 2000, Rowohlt

Deutschlands Jugendliche werden, statistisch gesehen, immer reicher. 1984 verfügte nur ein Viertel der 15- bis 24-jährigen Männer und Frauen über 1.000 Mark monatlich. 1991 waren es bereits 36 Prozent; 1999 verfügten 43 Prozent monatlich über diesen Betrag.

Und tatsächlich: Die Autodichte steigt und steigt. 1970 zählte das Statitische Bundesamt nur 228 "motorisierte Fahrzeuge" pro 1.000 Einwohner. 1980 waren es bereits 476, und 1999 wurde die beängstigende Zahl von 617 Fahrzeugen pro 1.000 Einwohner registriert. Deutschland hat damit die höchste Autodichte der Welt.


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