Trampergeschichte - Als ich den Joschka traf

Dies ist ne email, die ich an meinen Jahrgang an der WHU geschickt hab, bin von Vallendar nach Herzberg getrampt. Unterwegs hab ich nen ziemlich unsymphatischen Politiker getroffen. Aber lies selbst...


Subject: Postkarte aus Herzberg
Date: Sun, 01 Mar 1998 02:05:52 +0100
From: Veit Kuehne

Hallo Leute,

viele Gruesse, diesmal nicht aus Brasilien, sondern aus Herzberg am Harz. Da ich sowieso endlich mal meine neue Adresse+Telefonnummer rumschicken wollte, kann ich jetzt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Gestern hab ich naemlich wieder unglaubliche Tramperfahrungen gemacht, wen's interessiert der lese nach dieser Info - Telefon 9622548, Im Vogelsang 16 - einfach weiter...

Mit Philipp HP gegen sechs in Vallendar los. Hatte ihn ueberredet, mit nach Hannover zu kommen, um den Wahlerfolg am Sonntag zu feiern, nachdem klar war, dass Lieb ausfaellt. Kaum losgefahren, hecken wir den Plan fuer's Wochenende aus - er wird mich bei Goettingen rauslassen, dann nach Rostock fahren um seine Freundin zu besuchen, am Sonntag treffen wir uns in Hannover.

Er ruft in Rostock an, aber es geht nicht, sein Maedel hat was vor. Wir ueberlegen kurz und entscheiden dann, das es das Beste ist, wenn er zurueck nach Vallendar faehrt und mich am naechsten Rasthof rauslaesst. Gesagt, getan - bei Montabaur stuerz ich mich mal wieder ins Tramperleben.

Ich muss nun also zum Rasthof Hattersheim im Norden von Frankfurt, um von dort auf die A5 gen Kirchheim zu kommen. Kein leichtes Unterfangen, die meisten Leute fahren nach Sueden an Frankfurt vorbei. Es ist mittlerweile dunkel, es nieselt leicht, es ist schweinekalt und viel zu wenig Leute kommen an die Tankstelle. Mir geht's also nicht so gut.

Aber nach ner Weile find ich dann ne Frau, die tatsaechlich an dem Rasthof meiner Traeume vorbeifaehrt, sie nimmt mich mit. Beim Einsteigen raeumt sie nen hr-Beutel nach hinten, und die Art und Weise, wie sie mir die ersten Fragen stellt lassen doch sehr ne Journalistin vermuten. Ich zaehl eins und eins zusammen, und tatsaechlich - sie ist Redakteurin und Nachrichtensprecherin beim Hessischen Rundfunk.

Wir reden vor allem ueber Politik, sie ist ziemlich links und wettert gegen den "Neoliberalismus". Dass sie Gerhard Schroeder als Brechmittel empfindet macht sie mir aber wieder sympathisch. Wir reden und reden und sind so schnell bei Hattersheim...

Dort sieht es noch trostloser aus. Ich frage ein paar Leute, aber fast alle fahren nach Frankfurt und nicht auf die A5. Irgendwann faehrt ein Mittelklasse-Wagen auf die Tankstelle. Ich gehe zu dem Auto, der Fahrer hat sich nach rechts unten gebeugt und kramt irgendwie rum. Es dauert. Ich werd schon ungeduldig und aerger mich, denn es sieht aus, als handelte es sich um ne Frau - Frauen nehmen seltener mit. Doch irgendwie kommt mir dieses Kinn bekannt vor.

Endlich setzt der Fahrer sich auf - es ist ein Mann, ein gewisser Joseph Fischer, besser bekannt als Joschka, der Vorzeigegruene. Als er aussteigt, frage ich ihn, ob er Richtung A5 faehrt, tut er aber nicht. Ich bedanke mich, coole story.

Waehrend er tankt, faellt mir eins meiner vielen Ichs wieder ein, das des LHG-Veits. Wir wollten ihn ja fuer ne Dikussion mit Westerwelle oder Lambsdorff holen. Ich geh nochmal hin und frag ihn, ob er die WHU kennt. Ja, tut er, war ja schonmal da. (War er wirklich?) Frag ihn, ob er nochmal wiederkommen wolle. Dieses Jahr auf keinen Fall, alles voll, meint der Joseph. Dann vielleicht nach der Wahl? Was nach der Wahl ist, koenne man heute ueberhaupt noch nicht sagen. (Der Joseph will naemlich Aussenminister werden. Ja ja, dann hat der Joseph natuerlich ueberhaupt gar keine Zeit mehr fuer solche dummen Privatunis, dann muss er naemlich den Amerikaner ueberzeugen, doch bitte die NATO aufzuloesen. Viel wichtiger.) Ob er aber grundsaetzlich mal ne Diskussionsveranstaltung machen wuerde, mit Guido Westerwelle hatten wir uns ueberlegt. Nee, nicht mit dem, das ist kein Gegner, so woertlich der Joseph. Dann vielleicht mit Graf Lambsdorff. Jaja, grummelt der Joseph. Und geht bezahlen.

Ich hol meinen Fotoapparat und frag nen anderen Autofahrer, ob er uns knipsen wuerde. Fuer meine Tramper-Memoiren. Klar, kein Problem. Der Joseph kommt wieder raus, und ich frag ihn ganz lieb, ob wir noch schnell ein Foto machen koennten. Nee nee, kein Foto, ich muss weiter, sagt der Joseph, steigt ein und faehrt davon.

Das ist er also, der Joseph. Ein arrogantes Arschloch.

Kurz darauf kommt ein Auto mit Doppel-H als Kennzeichen, mein Herz huepft ein paar Etagen. Und tatsaechlich, der Mann faehrt nach Hamburg, kann mich bis Goettingen mitnehmen. Wir kommen schnell ins Erzaehlen. Er ist freier Bildtechniker fuer's Fernsehen, das ZDF hatte ihn angeheuert, um einen neuen Ue-Wagen zusammenzubauen. Er kommt also aus Mainz. Auf der Hinfahrt hatte er sein Auto etwas kaputtgemacht, und so koennen wir im Schnitt nur 120 fahren.

Er ist ein ruhiger, sympathischer Typ. Er erzaehlt viel und gern von seinem Beruf, und ich hoere wissbegierig zu, weiss ich doch ueberhaupt nichts ueber sein Metier. Er arbeitet viel fuer NDR und Sat 1, hat aber z.B. auch VH 1 auf der technischen Seite aufgebaut. Oft organisiert er Sportuebertragungen, und so kann er gute Geschichten erzaehlen.

Formel 1 Grand Prix in Oesterreich. Haben sie Kameras in ner Kurve im Streckenrand versenkt. Dumm gelaufen, denn der Rand gehoert dort zur normalen Piste, und die Fahrer machen gerne ein paar Kameras kaputt. Genau wie die Eishockey-Spieler. Eine Intor-Kamera uebersteht im Schnitt drei Spiele.

Spaeter kommen wir zum Reisen. Sein Bruder war als Austauschschueler im Amiland. Nach ner Weile stellt sich heraus, dass er mit dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm des Bundestags war, genau wie ich. Welche Organisation? A...A.. AFS! Jou, wieder so ein Zufall. Das war Anfang der 90er, sein Abgeordneter war Volker Ruehe. Mein bester Kumpel in der PPP-Gruppe hatte ebenfalls Ruehe. Und der zustaendige Abgeordnete auf amerikanischer Seite war fuer den Bruder meines Fahrers ein damals unbekannter gewisser Mr. Perry. Spaeter wurde er Verteidigungsminister, genau wie Ruehe...:-)

Die Zeit verfliegt, bald sind wir bei Goettingen, und er laesst mich am Rasthof raus, da er keinen Umweg fahren kann, Zeitdruck. Ich mus jetzt noch zwei Ausfahrten weiter, dort gibt's aber keine normale Ausfahrt, sondern nur nen Autobahnzubringer, zu dessen Ende ich muss, etwa 3 Kilometer. Die schwierigste Aufgabe fuer den Abend. Denn natuerlich faehrt niemand vom Rasthof Goettingen dort raus.

Es ist bald 10, ich frage ein paar Leute. Schildere ihnen mein Problem, biete ihnen 5 Mark an, wenn sie mich dorthin befoerdern. 5 Mark fuer 6 Kilometer ist ganz gut, aber alle haben's eilig. Doch dann, ein roter Lieferbus, mit nem Tuerken(?) als Fahrer.

Er willigt ein, und wir fahren los. Der Bus ist leer, auf dem Boden liegt ein Typ und versucht zu schlafen. Sie muessen nach Luebeck. Schnell sind wir beim Ende des Zubringers, dort gibt's eine Riesen-Kreuzung, die auch nachts durch Scheinwerfer taghell erleuchtet ist. An der Kreuzung muessen alle Autos anhalten, die von der Autobahn kommen, es gibt keinen besseren Ort zum Trampen, ich bin so gut wie in Herzberg (ca. 40 km).

Er laesst mich raus, aber nimmt meine 5 Mark nicht an. Ich rufe meine Mami an (die Telefonzelle ist auch ein Klasse-gimmick dieser Kreuzung), und bitte sie, mich in ner halben Stunde am Ortseingang von Herzberg abzuholen. Dann frage ich das erste Auto - Bingo.

Ein aelterer, kleiner Mann, der mich nicht ganz zu verstehen scheint. Auf die Frage nach dem seltsamen Kennzeichen loest sich das Raetsel. Er ist Kosovo-Albaner, wohnt seit 10 Jahren in der Schweiz, und besucht seinen Sohn in Wieda (hinter Herzberg). War noch nie in der Gegend.

Er ist mir sofort richtig sympathisch, so ein richtiger Opa zu Knuddeln. Und er spricht so ziemlich das witzigste Deutsch, das ich je gehoert habe. Wir unterhalten uns ganz gut, ich muss immer wieder in mich hineingrinsen. Er ist mal in Deutschland geblitzt worden, muss jetzt bezahlen. Findet er aber O.K. "Wenn schnell fahren willst, musst auch bezahle."...:-)

In Herzberg laesst er mich raus, und ich warte auf meine Mami. Es ist inzwischen viertel vor 11, ich bin wirklich ganz gut durchgekommen, hab ausserdem soviel Interessantes erlebt, wie schon lange nicht mehr. Und waehrend ich an dieser gottverlassenen Ampel in Herzberg warte, noch so ein Zufall. Eine Gestalt taucht aus dem Dunkel auf - Klaus, einer meiner besten Freunde. Er ist schon leicht angetrunken, und so kann ich ihn schnell ueberreden, mit zu Thomas zu kommen, der Geburtstag feiert.

Dann kommt meine Mami, ich bin gluecklich, und der Abend kann beginnen....

So, wer bis hierhin durchgehalten hat, der kann auch noch die Daumen druecken, dass morgen, bzw. heute bei der Wahl alles gutgeht!

Macht's gut,

Euer Veit

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